Vom Dach zum Netz: Neue Perspektiven für die Naturwissenschaftlichen Vereine

Aus NNVM (Netzwerk der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen in Mitteleuropa)
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Der folgende Festvortrag wurde vom Sprecher des NNVM aus Anlass des 150jährigen Bestehens des Passauer Naturwissenschaftlichen Vereins im Rathaus der Stadt am 13.10.2007 gehalten. Er gibt Auskunft über die Bedeutung, die heutigen Probleme und Perspektiven Naturwissenschaftlicher Vereinigungen, sowie über die Entstehungsgeschichte des NNVM und Sinn und Aufgabe dieses Netzwerks.


Vom Dach zum Netz:
Neue Perspektiven für die Naturwissenschaftlichen Vereine
Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Finke (NNVM, Bielefeld)*

Naturwissenschaftliche Vereine

Auch als Wissenschaftsforscher muss man aufpassen, nicht nur ein einseitiges Bild von der Wissenschaft zu zeichnen. Wissenschaft wird unter sehr verschiedenen Bedingungen betrieben, nicht nur in Universitäten, speziellen Instituten oder in der Industrie, auch zum Beispiel in Vereinen. Und fast alles wird heute zum Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung gemacht. Es fällt aber auf, dass Vereine kaum je dazugehören. Es gibt bis heute weltweit keinen Lehrstuhl für Vereinsforschung. Zwei meiner beruflichen Spezialgebiete, nämlich die Wege der Erschließung von wissenschaftlichem Neuland und die Rolle, die Nichtakademiker und Laien dabei spielen können, sowie meine außerberuflichen Erfahrungen in der Leitung mehrerer kleiner und großer Vereine, haben mich deshalb veranlasst, mehrfach Vereine zum Gegenstand einiger Lehrforschungsprojekte mit Studierenden zu machen. Bei einem dieser Projekte ging es um Naturwissenschaftliche Vereine, und ich beziehe mich im Folgenden unter anderem auf Material, was hierbei zusammengekommen ist.

Als erstes mussten wir die Frage beantworten: Was ist überhaupt ein Naturwissenschaftlicher Verein? Sich hier allein auf den Namen zu verlassen, wäre zu einfach, denn manche dieser Vereine heißen anders: Naturhistorischer Verein oder Gemeinschaft naturforschender Freunde oder Naturkundlicher Kreis oder noch anders. Auch die Naturforschenden Gesellschaften müssen wir mitberücksichtigen, jedenfalls dann, wenn es keine ausgesprochenen Berufsverbände sind. Eines der wesentlichen Charakteristika der uns interessierenden Naturwissenschaftlichen Vereine oder Naturforschenden Gesellschaften ist nämlich die Tatsache, dass in ihnen Profis und Laien gemeinsam Mitglied sind und häufig genug auch wirklich zusammenarbeiten. Dass jemand ein naturwissenschaftliches Studium absolviert hat oder an einer Schule oder Hochschule als ausgebildeter Naturwissenschaftler arbeitet, ist völlig nebensächlich. Viele Mitglieder dieser Vereine sind höchst sachkundige Laien, entweder Autodidakten oder Personen, die ihre Kenntnisse bei den Profis des Vereins erworben haben und jetzt mit ihnen zusammen arbeiten. Übrigens ist dies auch für die Wissenschaftsforschung bedeutungsvoll. In vielen Fällen finden wir nämlich unter den Autodidakten und Laienforschern in den Naturwissenschaftlichen Vereinen höchst markante Persönlichkeiten, die die Bezeichnung als Wissenschaftler genau so verdienen wie die orthodox ausgebildeten akademischen Profis an den Instituten. Nicht wenige von ihnen haben aufgrund ihrer Leistungen auch dort Anerkennung bis hin zur Ehrenpromotion gefunden und das völlig zu Recht. Dass professionelle Wissenschaftler nicht nur keinen Kontakt zu Naturwissenschaftlichen Vereinen halten, weil sie die Potentiale nicht erkennen, die für ihr eigenes Wirken dort schlummern, sondern sich manchmal auch aus Desinteresse oder sogar Überheblichkeit von ihnen gezielt fernhalten, gibt es auch; es kann dies Gründe auf beiden Seiten Haben, die hinterfragt werden müssen.

Wir haben auf dreierlei Weise versucht, die nicht ganz einfache Definitionsfrage eines Naturwissenschaftlichen Vereins zu beantworten: erstens durch eine Umfrage bei den dreißig kleineren und mittelgroßen Naturwissenschaftlichen Vereinen, die sich seinerzeit dafür interessiert gezeigt hatten, an unserer Untersuchung teilzunehmen, zweitens durch das Studium der Satzungen dieser Vereine, und schließlich durch eine Kontrollumfrage bei einhundert Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die selber angegeben hatten, nicht Mitglied eines Naturwissenschaftlichen Vereins zu sein. Diese Zahlen sind allesamt zu niedrig, um belastbar im Sinne einer Repräsentativumfrage zu sein; solches anzustreben hätte unsere damaligen Möglichkeiten im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes weit überzogen. Dennoch sind die Ergebnisse aufschlussreich; zu Naturwissenschaftlichen Vereinen sagen sie eine Menge aus.

Es gibt formale Charakteristika Naturwissenschaftlicher Vereine, wie jenes erwähnte Miteinander von Profis und Laien, aber auch ein auffallendes inhaltliches Definitionsmerkmal, nämlich die berühmte Dreiheit ihrer Ziele. Allen Naturwissenschaftlichen Vereinen, obwohl sie weitgehend unabhängig voneinander in einem Zeitraum von rund zweihundert Jahren entstanden sind, geht es vor allem anderen um drei für sie annähernd gleichrangige Dinge: um eine landschaftsbezogene naturwissenschaftliche Regionalforschung, um die Förderung der naturkundlichen Bildung, und um die wissenschaftliche Untermauerung von Zielen des Naturschutzes durch wichtige Grundlagendaten. Andere Vereine und Organisationen, die sich auch mit Natur befassen, konzentrieren sich in der Regel auf eines von diesen Zielen, jedenfalls stellen sie es in Satzung und Praxis deutlich in den Vordergrund, insbesondere den Naturschutz oder die Naturpädagogik. Wenn man die Naturwissenschaftlichen Vereine in Deutschland nach diesen Kriterien zählt, hat man es bei den Mehrspartenvereinen recht einfach und kommt auf etwa siebzig; schwieriger wird es, wenn man auch Einspartenvereine hinzunimmt, denn hiervon gibt es noch mindestens zweihundert weitere. Eine völlig trennscharfe Grenzlinie kann man hier nicht ziehen.

Die Naturwissenschaftlichen Vereine gehören faktisch zu den ältesten Organisationen, die sich in unserem Land für Belange des Naturschutzes eingesetzt haben, in vielen Fällen lange vor denjenigen, die dann später dieses Ziel gesondert propagiert haben. Es ist nicht verwunderlich, dass sich dies heute im Bewusstsein der Öffentlichkeit völlig verschoben hat. Bei unserer Kontrolluntersuchung ist jedenfalls sehr deutlich geworden, dass die großen Naturschutzverbände wie NABU oder BUND, aber auch die jüngeren, mitgliederreichen und populären Aktionsbündnisse wie Greenpeace oder der WWF sich beim Thema Naturschutz weit vor die alten Naturwissenschaftlichen Vereine geschoben und sie heute bei diesem Thema aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verdrängt haben. Am Ende der DDR waren sie es, die aus den Trümmern des Kulturbundes die Sachkenner der ehemaligen Naturwissenschaftlichen Vereine einsammeln konnten. Einige alte Vereine haben sich dann dennoch neu gegründet und meistens dem NABU als einer Art Dachorganisation angeschlossen, weil die Naturwissenschaftlichen Vereine eine solche nie hatten. Hier liegt ein Problem, denn dass aus einer solchen Konstruktion schnell ein Schattendasein werden kann, liegt auf der Hand.

Auch wenn das wichtige Miteinander von Laien und Profis in einem Verein aus irgendwelchen Gründen mal nicht funktioniert, leiden darunter zunächst die Vereine. Dass dabei aber meistens auch Defizite im Wissenschaftsverständnis der Profis vorhanden sind, für die Wissenschaftlichkeit jenseits der Universitätsmauern aufhört, fällt nur dem kritischen Wissenschaftsforscher auf. Natürlich können die Gründe auch bei den Vereinen liegen.

Deshalb gehört zu einer ungeschminkten Bestandsaufnahme auch der nüchterne Blick auf die Realität unserer Vereine, bei dem sehr deutlich wird, dass Satzungsanspruch und Vereinswirklichkeit in vielen Fällen nicht mehr deckungsgleich sind. Unsere Untersuchungen haben jedenfalls eindeutig ergeben, dass mit Ausnahme einiger junger und kleiner sowie weniger besonders großer Naturwissenschaftlicher Vereine sehr viele - wahrscheinlich die meisten - seit einer Reihe von Jahren unter zunehmenden existenziellen Problemen zu leiden haben, die sie zwar bislang noch meist irgendwie zu lösen vermögen, die in einigen Fällen aber auch bereits zur Vereinsauflösung geführt haben. So gibt es zum Beispiel seit einigen Jahren den sehr traditionsreichen Naturwissenschaftlichen Verein der Osterlande zu Altenburg in Thüringen, gegründet 1814, der noch handschriftliche Briefe seines Mitglieds Johann Wolfgang von Goethe aufbewahrte, nicht mehr. Viele der von uns untersuchten Vereine, fast Dreiviertel, klagen über Mitgliederschwund, Überalterung, Nachwuchssorgen, eine abnehmende Bereitschaft zum Engagement, eine zunehmende Mittelknappheit und über die wachsende Konkurrenz durch jüngere, aggressiver auftretende Organisationen. Sie erleben, dass sie im öffentlichen Bewusstsein kaum noch präsent sind und allgemein gesprochen ihre Probleme deutlich zunehmen. Zu diesen Problemen gehört in auffällig vielen Fällen auch eine verschlechterte Beziehung zu einer Institution, oft einem städtischen Naturkundemuseum oder einer örtlichen Hochschule, welche sie bisher beherbergt oder mitgetragen hat. Man kann geradezu die Gleichung aufmachen, dass es Vereinen, die in einer ungestörten Symbiose mit einer solchen Institution leben, gut und jedenfalls deutlich besser geht als solchen, denen dort ihre Räumlichkeiten und Mitwirkungsmöglichkeiten aufgekündigt worden sind. Nicht selten leidet darunter letztlich auch die Partnerinstitution.

Dies alles ist eine beunruhigende Situation, der wir auf den Grund gehen müssen.

Zeitenwandel

Das Hauptproblem, das viele Naturwissenschaftliche Vereine haben, ist, dass sie sich heute in einer dichter gewordenen Vereinslandschaft behaupten müssen. War früher allgemein Information für viele Menschen eine Mangelware, nicht aber Information über die sie unmittelbar umgebende Natur und Heimat, leiden wir heute trotz vermehrter Naturvereine fast am Gegenteil; wir drohen im Meer allgemeiner und spezieller Informationen zu ertrinken, aber kennen kaum noch die Wildkräuter am Wegesrand. Dies hängt auch mit der Entwicklung der Medien und Massenmedien zusammen, die heute eine dominierende Rolle spielen und die Themen der Zeit setzen; vor hundert oder zweihundert Jahren, zur Gründungszeit vieler Naturwissenschaftlicher Vereine, gab es viele moderne Medien noch gar nicht. Bis heute sind viele Vereine eher unbeholfen beim Umgang mit ihnen.

Dafür haben sie schon sehr bald entschlossen ein eigenes Medium begründet, und es ist für die meisten bis heute ihre wesentliche Identifikationsgröße: der jährlich oder in größeren Abständen erscheinende Berichtsband. Die meisten Vereine (bei unserer Untersuchung waren es 28 von 30) verfügen inzwischen über eine höchst eindrucksvolle Reihe solcher selbst herausgegebener Sammelbände mit regionalwissenschaftlichen Arbeiten ihrer herausragenden Fachleute. Sie sind ihre entscheidenden Aushängeschilder geworden, die sie mit den Schwestervereinen tauschen, sodass im Laufe der Zeit umfangreiche Bibliotheken entstehen konnten. Vor allem diese Bände begründen nach außen den fachlichen Ruf eines Vereins und insgesamt gesehen den guten Namen, den Naturwissenschaftliche Vereine in Fachkreisen generell auch heute noch besitzen. Aber auch hieran nagt der Zeitenwandel. Manche Universitäten versuchen, die Regionalforschung ganz oder teilweise für sich zu reklamieren, ohne die Traditionen und Potentiale zu würdigen, die hierfür in den Naturwissenschaftlichen Vereinen vorhanden sind oder waren. Auch zunehmende Teuerung und Mittelknappheit machen das regelmäßige Erscheinen dieser Berichtsbände immer schwieriger, wenn nämlich Fördergelder spärlicher fließen als früher. Hier droht wirklicher Substanzverlust. Über zwei Drittel der von uns befragten Vereine haben darüber geklagt, Tendenz steigend.

Die Ziele der Vereine sind weitgehend gleich geblieben, aber auffälligerweise gilt dies auch für viele ihrer Methoden, Arbeitsweisen und manche andere Formen des Vereinslebens. Versammlungen, Vorträge und Exkursionen gehören mit unterschiedlichem Erfolg nach wie vor zu den Standards der Vereinsprogramme, müssen sich aber heute inmitten eines erheblich gewachsenen Freizeitangebots behaupten. Der Zuspruch ist sehr unterschiedlich, wobei sich Sorgfalt in der Vorbereitung meistens auszahlt. Das Durchschnittsalter des Publikums ist allerdings oft hoch, junge Leute sucht man manchmal vergebens. Dies belegt nicht nur das allgemeine Älterwerden unserer Gesellschaft. Viele Vereine haben lange Zeit keine jugendgerechte Nachwuchspädagogik betrieben; sie verstehen sich als reine Erwachsenenvereine; von den durch uns befragten Vereinen fast zwei Drittel. Kleine Vereine kennen auch heute noch Versammlungen, zu denen ein erheblicher Teil der Mitgliedschaft kommt, aber in den großen Vereinen mit vielen Arbeitsgemeinschaften zerfällt der Gesamtverein zunehmend in einzelne Gruppen. Nur noch mit den fachlichen Freunden hat man engeren Kontakt. Ältere Personen empfinden dies als Problem, jüngere schon als normal.

Wir haben gefragt, in welchem Umfange die Massenmedien für die Bekanntmachung der Programme und auch der Vereinserfolge genutzt werden. Das Internet war vor zehn Jahren noch wenig verbreitet, und so gab 1997 auch nur eine Minderheit der befragten Vereine (8 %) an, es für Vereinszwecke zu nutzen. Allerdings fügten doppelt so viele hinzu, dass sie dies in Zukunft tun würden oder möchten. Im vergangenen Jahr waren es schon etwa vierzig Prozent und jetzt würde ich schätzen, dass wir bei mindestens sechzig Prozent liegen. Hier findet eine rasante Entwicklung statt, die in zwei bis drei Jahren mit ca. 85 oder 90 % fast abgeschlossen sein dürfte. Wer dann noch zurückbleibt, wird es besonders schwer haben.

Was wir aber sehr bedenklich fanden war die Tatsache, dass die traditionelleren Medien, vor allem die lokalen Zeitungen, nur von einem knappen Viertel (23%) der befragten Vereine für ihre Zwecke genutzt wurden, und diese Quote steigt nicht; im Gegenteil: sie sinkt noch weiter ab. Häufig haben die Vereine zur Erklärung hinzugefügt, dass hierfür ein unzumutbarer Aufwand betrieben werden müsse, wenn der Verein denn überhaupt das Interesse der Medien und ihrer Journalisten auf sich ziehen könne. Meist sei dies nicht der Fall. Nun ist dies zugegebenermaßen in einigen Fällen tatsächlich so; es gehört dann ein erheblicher persönlicher Einsatz dazu, solche Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Zugleich aber zeigt die Medienpräsenz anderer Vereine, die keineswegs allesamt populärere oder medienwirksamere Inhalte anzubieten haben, dass die Ernte langjähriger Bemühungen eingefahren werden kann, wenn man es denn für wert hält, dies zu erreichen. Beim Bielefelder Verein ist es zwischen 1983 und 1994 gelungen, durch eine intensive Pressearbeit den Mitgliederbestand von 530 auf 970 fast zu verdoppeln. Inzwischen ist er allerdings wieder fast auf das alte Niveau abgesunken, weil die Pressearbeit nicht mehr fortgeführt wurde.

Ist also schon die tatsächliche Partizipation der Naturwissenschaftlichen Vereine am öffentlichen Mediengeschehen gering, so zeigt sich dies im Urteil der Öffentlichkeit umso krasser. Von den hundert in die Kontrollumfrage einbezogenen Personen, die allesamt in Städten mit einem Naturwissenschaftlichen Verein lebten, antworteten sage und schreibe 95, dass sie von einem lokalen Naturwissenschaftlichen Verein sehr lange Zeit oder sogar noch nie etwas gehört hätten. Alle jüngeren Befragten waren bis auf einen einzigen total unwissend. Ich denke, diesen Eindruck darf man bei aller Vorsicht doch so verallgemeinern, dass Naturwissenschaftliche Vereine, ihre Ziele und Aktivitäten dem allergrößten Teil unserer Mitmenschen heute praktisch unbekannt sind. Spätestens hier muss die Alarmglocke schrillen.

Auf die Frage, was man denn glaube, dass diese Vereine täten, bekamen wir dann auch besonders häufig Antworten, die darauf hinwiesen, dass die Bezeichnung „Naturwissenschaftlicher Verein” die uninformierten Leute kräftig in die Irre führt. „Das sind wohl Vereine für Naturwissenschaftler” oder „Die diskutieren wahrscheinlich über Weltraumfahrt” waren typische Vermutungen. Die Meinung „Die setzen sich für Frösche und Kröten ein” war auch nicht viel differenzierter. Das Fazit ist einfach, es ist erschreckend und es lautet: In der breiten Öffentlichkeit ist über Naturwissenschaftliche Vereine fast nichts mehr bekannt. Übrigens nicht nur in der breiten Öffentlichkeit: Wie ich aus einer weiteren Untersuchung an meiner eigenen Universität weiß, leiden auch immerhin fast 65% meiner Hochschullehrerkollegen unter Unkenntnis oder Fehleinschätzungen dieser Vereine. Das Wissen über sie ist durchweg extrem mangelhaft und die Vereine haben dies durch ihre Medienabstinenz mitzuverantworten. Hinzu kommen die allgemeinen Tendenzen, die sie zunehmend unter Druck setzen; zum Beispiel die Professionalisierung, die auch im Bereich von Bildung, Forschung und Naturschutz unaufhaltsam ist.

In manchen Bundesländern ernten inzwischen staatlich geförderte Biologische Stationen den über lange Jahre hinweg ehrenamtlich erbrachten Erfolg der Naturwissenschaftlichen Vereine und zehren ihn auf. Wenn für gleiche Arbeit auf einmal Geld gezahlt wird, scheint das schlichte Ehrenamt fast auf verlorenem Posten zu stehen. Auch kann der oft etwas altväterlich-emphatische Gebrauch des Begriffs „Naturwissenschaft”, so wie er in den Vereinen verwendet und eng mit dem Heimatbegriff verbunden wird, zu einem Problem werden. Die moderne Naturwissenschaft geht schon seit langem ganz andere Wege, die oft einen hohen Mittelaufwand, teure Spezialinstrumentarien und aufwendig ausgestattete Labors einschließen. Die schlichte qualitative Beobachtung in Natur und Landschaft ist dann meistens durch das Experiment und durch die Einbeziehung komplexer theoretischer und quantitativer Verfahren ersetzt worden, die allesamt den Vereinen fast unzugänglich bleiben müssen. Ein Indiz hierfür ist ihr fast allgemeiner Rückzug aus Physik und Chemie. Es ist etwas dran, wenn Kritiker sagen, dass in den Naturwissenschaftlichen Vereinen die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts konserviert wird - auch wenn es nicht ganz stimmt, denn schließlich sind zum Beispiel die Verhaltensforschung oder die Ökologie im Wesentlichen Kinder des 20. Jahrhunderts. Dennoch ist das Bild, das viele Vereine nach außen abgeben, nicht unproblematisch, denn es zeigt auch die Züge eines Überlebenden aus einer vergangenen Zeit. Die Vereine müssen etwas für die Rechtfertigung und Modernisierung dieses Bildes tun. Dies Urteil - scheinbar altmodisch zu sein oder sogar vermeintlich überholt - ist übrigens für die Reserve, mit der manche Hochschulwissenschaftler den Naturwissenschaftlichen Vereinen begegnen, mitverantwortlich, wobei dann oft genug Probleme, die sie selber haben, verdrängt werden.

Das Dach

Die Sorgen vieler Vereine in Bezug auf ihre eigene Zukunft sind also berechtigt. Sie gehen weit über personelle oder finanzielle Probleme hinaus. Die Konsequenz, die ich Anfang der neunziger Jahre zusammen mit einigen Freunden hieraus gezogen habe, war, den Versuch zu machen, für die deutschen Naturwissenschaftlichen Vereine und Naturforschenden Gesellschaften eine Dachorganisation zu gründen, die sie nie hatten. Sie sind sämtlich Einzelgründungen und juristisch unabhängig, nur Repräsentanten eines gemeinsamen Zeitgeistes. Deshalb sind sie ähnlich. Das Dach, das wir für sie ergänzen wollten, sollte ihnen bei dem helfen, was sie allein nicht mehr leisten konnten. Ich will gleich sagen, dass uns dies Ziel als geradezu selbstverständlich vorkam; eine Alternative zu ihm konnten wir uns damals gar nicht vorstellen. Dies war ein Fehler, denn alternative Konzepte gab es und wir hätten uns mehr um sie bemühen müssen. Dazu später mehr.

Notwendig waren das Festhalten an den grundsätzlichen Zielsetzungen, aber auch die Entwicklung einer praktikablen Beratung, konkreter Hilfsangebote, sowie einer stärkeren öffentlichen und privaten ideellen und materiellen Unterstützung. Die Nichtprofessionalität der meisten Vereine mochte eine Zeitlang ihren Charme gehabt haben, aber in einem immer professioneller agierenden Umfeld gerät man mit ihr letztlich ins Hintertreffen. Ein Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen den Vereinen war notwendig, man muss voneinander lernen wollen und einander aushelfen können. Es rächte sich jetzt, dass Naturwissenschaftliche Vereine für ihre Belange bisher nie eine überregionale Interessenvertretung geschaffen haben, die ihre Leistungen und Sorgen gegenüber Gesellschaft und Politik deutlich artikuliert. Dies ging lange gut, als wir alle miteinander noch in unseren jeweiligen Provinzen zuhause waren, aber im weiträumiger gewordenen heutigen Leben, das sogar globale Aspekte angenommen hat, fehlt eine solche Lobby. Wer anders soll der Öffentlichkeit verdeutlichen, dass sich hier nicht nur Leute mit Naturhobbys zum eigenen Spaß treffen, sondern für die Gesellschaft bedeutende Dienstleistungen ehrenamtlich erbracht werden?

Aus diesen Gründen haben im Jahre 1992 zwölf Vereine in Bielefeld den „Dachverband der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen Deutschlands”, DNVD e.V,. ins Leben gerufen, eine Gründung, die wir damals mit großen Hoffnungen und viel Zuversicht begleiteten. Die zwölf Gründungsvereine, kleine, mittlere und große, hatten verstanden, worum es gehen musste: nicht um eine neue Vereinsbürokratie um ihrer selbst willen, sondern um eine massive Unterstützung aller deutschen Naturwissenschaftlichen Vereine von oben. Es sollte ein Dach für sie gebaut werden, das sie vor dem gesellschaftlichen Schlechtwetter aus Unkenntnis und Missachtung schützen sollte, welches vielen von ihnen gegenwärtig das Weiterleben schwer macht. Wir wollten Lobby im politischen Raum sein, Vorurteilen begegnen, Unterstützungsmöglichkeiten ausfindig machen und einen breiten Erfahrungsaustausch organisieren. Hierfür wurde der Verband als ein gemeinnütziger Verein gegründet, dem die einzelnen Vereine mit je nach Größe gestaffeltem Mitgliedsbeitrag beitreten konnten. Das Viererpräsidium wurde später auch noch durch einen namhaften Beirat ergänzt, und ein Mitteilungsblatt aus der Taufe gehoben. Wir glaubten, an das Wichtigste gedacht zu haben und meinten, die weitere Entwicklung müsse fast ein Selbstläufer sein. Aber dies war eine Täuschung.

Wirklich gut im DNVD waren einzig die Jahrestagungen, bei denen uns immer die besten Fachleute einer Region die dortigen naturkundlichen Highlights zeigten. Sie wurden reihum von den Mitgliedsvereinen sehr umsichtig und attraktiv ausgerichtet, und zwar 1993 beginnend in Altenburg, und dann weiter in Schwäbisch-Gmünd, Bielefeld, Emden, Zwiesel, Bremen, Fulda, Bamberg, Hanau, Lübeck, Ulm und zuletzt 2005 Paderborn. Hier, in der Senne Ostwestfalens, nur wenige Kilometer vom Gründungsort entfernt, endete dann die kurze Geschichte des DNVD nach nur zwölf Jahren bereits wieder, und sie endete trotz einiger Tränen in gutem Einvernehmen einstimmig, denn wir hatten eine Vision auf Besseres: nicht auf ein Dach, sondern auf ein Netz. Auch dazu später mehr. Lassen Sie mich zunächst beschreiben, welche Fehleinschätzungen uns bei der Gründung des DNVD unterlaufen sind und warum ein Dachverband grundsätzlich nicht die richtige Methode war, den Naturwissenschaftlichen Vereinen einen guten Weg in die Gegenwart und Zukunft zu erschließen.

Fehleinschätzungen

Die deutlichste Fehleinschätzung bestand darin, dass wir geglaubt hatten, die Mehrheit der deutschen Vereine in wenigen Jahren von der Notwendigkeit überzeugen zu können, unter das Dach des Dachverbandes schlüpfen zu sollen. Deshalb haben wir uns auch getraut, seinerzeit schon kurz nach der Gründung zu einem Gespräch mit dem damaligen Bundesumweltminister Töpfer nach Bonn zu fahren, um ihm die Notwendigkeit einer finanziellen Förderung der Naturwissenschaftlichen Vereine zu erläutern. Töpfer war hierfür durchaus aufgeschlossen, denn er hatte in seiner Schulzeit in Höxter mit Kurt Preywisch einen begeisternden Biologielehrer gehabt, der lange Zeit eine herausragende Rolle in den Vereinen Ostwestfalens spielte. Aber es kam dann doch, wie es kommen musste, denn eine der ersten Fragen, die er uns stellte war: „Wie viele Vereine dieser Art gibt es in Deutschland?” Auf meine Antwort - „Wenn man nur die Mehrspartenvereine zählt, etwa siebzig” - folgte die unvermeidliche Nachfrage: „Und wie viele sind davon Mitglied in Ihrem neuen Dachverband?” Die etwas verlegene Antwort „Bisher leider erst zwölf” ließ das Interesse des Ministers sichtlich schwinden. Es wurde dann doch noch ein gutes und langes Gespräch, aber sein Rat: „Dann kommen Sie am besten mal wieder, wenn die Mehrheit der Vereine Mitglied geworden ist” schwebte doch wie ein Damoklesschwert über allem. Denn: Auch noch am Ende der Zeit des DNVD, nach fünfzehn Jahren, hatten wir die für uns schon magisch gewordene kleine Schwelle von wenigstens zwanzig Mitgliedern nicht erreicht. Was war falsch gelaufen?

Wir haben zunächst geglaubt, es läge an den anderen, den Vereinen, die die Zeichen der Zeit und des DNVD nicht erkennen würden und aus Überalterung, Arbeitsüberlastung und Geldmangel Post vom Dachverband ignorierten. Solche Hemmfaktoren - zum Beispiel der nach Vereinsgröße gestaffelte Mitgliedsbeitrag - mögen in Einzelfällen tatsächlich mitgewirkt haben, aber in erster Linie hatten wir selber Fehler bei der grundlegenden Konstruktion gemacht. Wir haben den Alternativen zu einer als Verein geplanten Dachorganisation nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet, sind zu vorschnell auf diese traditionelle Organisationsform losgestürzt, ohne ihre Fallstricke und Nachteile ernst zu nehmen. Wenn man unsere entscheidenden Fehler zusammenstellt, dann waren es die vier folgenden:

Erstens und vor allem hatten wir eine völlig unnötige Hierarchie geschaffen, einen „Verein für Vereine”. Die Menschen verschwanden hinter neuen Strukturen, die Vereine hinter einem neuen Oberverein. Zweitens erfuhren die Mitglieder der Vereine von den wirklich schönen Jahrestagungen und dem Inhalt der Mitteilungsblätter nahezu nichts, sondern bekamen allenfalls kurz davon erzählt und jährlich vorgerechnet, dass der Mitgliedsbeitrag für den Dachverband bezahlt worden war. So blieben die Aufbaujahre des Verbands eine elitäre Angelegenheit der Vorstände unter sich, der Aufbau geriet mangels Unterbau schnell ins Stocken und wurde unmerklich zum Abbau. Drittens zeigte sich die ganze Schwerfälligkeit des deutschen Vereinswesens. Dies nahm bei der regelmäßigen Prüfung der Gemeinnützigkeit durch Finanzamt und Registergericht geradezu verrückte Ausmaße an, deshalb will ich es etwas ausführlicher erläutern.

Die juristischen Überprüfungen und der damit verbundene Papierkrieg dauerten nämlich in manchen Jahren viele Monate, in einem Falle fast das ganze Jahr, um dann irgendwann, nachdem man nichts Schlimmes gefunden hatte, sang- und klanglos mit der Fortschreibung des Gemeinnützigkeitsstatus zu enden. Ich kann mir dies nur damit erklären, dass es normalen deutschen Justiz- und Finanzbeamten sehr verdächtig vorkommen muss, wenn ein bundesweit tätiger Dachverband lediglich ein kleines Sparkonto besitzt, auf dem nur bescheidene Mitgliedsbeiträge verbucht werden und nie eine einzige große Spende, die den ganzen Aufwand gelohnt hätte. Angesichts des aus Politik und Wirtschaft bekannten Umfeldes mit verdeckten Spendengeldern in Millionenhöhe muss ein so merkwürdiger Dachverband den braven Kontrolleuren höchst dubios und verdächtig erscheinen. Indem wir ein eingetragener Verein sein wollten, sogar ein gemeinnütziger, und uns selber als „Dachverband” bezeichneten, hatten wir uns die administrativen Fesseln selber angelegt. Was für den Bundesverband der deutschen Industrie oder den Dachverband des deutschen Handwerks angemessen ist, führt die Kontrolleure bei den armen Kirchenmäusen der ehrenamtlichen Naturwissenschaft nur in die Irre. Unser vierter Fehler war schließlich noch die politische Begrenzung auf Deutschland, die nicht nur deutschsprachige Vereine in Österreich und der Schweiz außen vor ließ, sondern auch die Kontaktaufnahme zu den benachbarten Vereinen ringsherum faktisch ausschloss, beispielsweise den wirklich kontaktbedürftigen in Tschechien oder Polen.

Immerhin waren die Jahre des DNVD nicht völlig vergeblich, denn es wurde sehr sparsam gewirtschaftet und mit den über fünfzehn Jahre angesparten Mitgliedsbeiträgen der Mitgliedsvereine das Startkapital für dasjenige erwirtschaftet, wovon wir uns heute erhoffen, dass es viele der Leistungen erbringen kann, die der DNVD schuldig bleiben musste: das Netz, welches an die Stelle des Dachs getreten ist. Allerdings, eine sehr ernste Frage müssen wir zuvor stellen, die Frage nämlich, ob der Vereinstypus „Naturwissenschaftlicher Verein” heute überhaupt noch zukunftsfähig ist oder vielleicht doch nur Auslaufmodell einer großen Vergangenheit.

Fortdauernde Aktualität

Gesichert ist die Zukunft der Naturwissenschaftlichen Vereine nicht. Ein Verein war im 19. Jahrhundert etwas ganz anderes als heute. Er ersetzte Taschenbücher, Radio, Fernsehen, Computer und noch viel mehr. Er war mit seinen Terminen ein gliedernder Treffpunkt für das soziale Leben des Einzelnen, ein Ort der Geselligkeit, wie er so heute kaum noch wirksam ist, vielleicht in einigen Sportvereinen. Vieles aus jener Gründungszeit hat sich inzwischen überlebt, manches haben wir nur noch nicht bemerkt. Sind diejenigen, die sich heute noch in den Naturwissenschaftlichen Vereinen sammeln, vielleicht den Freunden historischer Dampflokomotiven vergleichbar? Naturwissenschaftliche Vereine als Museumsstücke einer versunkenen Zeit, als Spielwiesen der Nostalgie? Als wir den hundert Personen unserer seinerzeitigen Kontrolluntersuchung erklärt hatten, was ein Naturwissenschaftlicher Verein ist, welche historischen Wurzeln er hat und wie die Vereinswirklichkeit heute oft aussieht, sagten vier Fünftel von ihnen, sie glaubten nicht, das solche Vereine noch sehr lange existierten. Deshalb müssen wir das ernst nehmen. Aber auch die Zweifel des immerhin restlichen Fünftels, für Nichtinformierte kein ganz geringer Anteil.

Ich muss hier gestehen, dass auch ich in dieser Beziehung nicht ganz sicher bin. Wenn wir nicht aufpassen, könnte es sein, dass die Kritiker Recht behalten. Die Naturwissenschaftlichen Vereine sind heute an einer Wegscheide angekommen. Ihre bleibende historische Bedeutung könnte darin liegen, in schwierigen Zeiten etwas in Gang gebracht zu haben, was inzwischen andere institutionelle Nachfolger gefunden hat: mehr und professionellere Bildungs- und Forschungsinstitutionen, große Naturschutzverbände und spontan gebildete Interessengruppen und Bürgerinitiativen. Auch großartige Reisemöglichkeiten, die es früher nicht gab, Naturschutzbehörden und Umweltministerien. Die Naturwissenschaftlichen Vereine haben die zuvor verstreuten und teilweise elitären, staatlich zunächst wenig geförderten Bemühungen um regionale Forschung, die Bildungsaufgaben und den Naturschutz zu einem historisch bedeutsamen Bündel geschnürt, sie haben sie demokratisiert und ihnen eine breite Grundlage im Volk gegeben; die soziale Zusammensetzung der Mitgliedschaft der frühen Vereine belegt dies. Sie waren Pioniere. Das alles ist ohne jeden Zweifel ein großes historisches Verdienst: das Verdienst dieser Vereine. Haben sie also ihre Blütezeit hinter sich? Ist ihre Identität und Wandlungsfähigkeit stark genug, auch noch die Zukunft zu meistern oder haben sie ihre gesellschaftliche Leistung um den Preis ihrer eigenen Abschaffung erbracht?

Auch wenn gegenwärtig die Antwort auf solche Fragen niemand sicher wissen kann, so steht doch eines fest: Die Verluste, die uns beim schleichenden Verschwinden der Naturwissenschaftlichen Vereine, das heute möglich erscheint, drohen würden, wären groß. Nicht alles, was sie leisten und leisten könnten, wird von anderen genauso oder besser gemacht. Vieles hat überhaupt keine Nachfolger gefunden. Ich denke deshalb, wir können uns den Verlust der Naturwissenschaftlichen Vereine nicht leisten, sie besitzen im Prinzip eine fortdauernde Aktualität. Wenn wir sie nicht hätten, müssten wir sie schnell erfinden. Sie sind in einer geradezu frappierenden Weise ihrer Idee nach modern, nicht unbedingt mit allen Details ihrer alltäglichen Praxis.

Es sind vor allem fünf Gründe, die mich zu dieser Einschätzung führen. Erstens: Sachliche Detailkenntnisse und lebendige Anschauung der Natur werden in einer Zeit zunehmender Naturentfremdung nicht überflüssig, im Gegenteil: Sie werden wichtiger. Hierfür stehen die Naturwissenschaftlichen Vereine mehr als andere. Sie vermitteln fachliche Kenntnisse, die auf einzelnen Gebieten fast beliebig in die Tiefe gehen und die in jedem Falle die unmittelbare originale Wahrnehmung jedem Bücherwissen vorordnen, aber auch mit ihm verknüpfen. Dieses unmittelbare Anschauungswissen, von einem Fachmann erklärt und theoretisch vertieft, ist gerade im medialen Zeitalter unersetzlich. Kein noch so schöner Film kann die unmittelbare Naturerfahrung und die begleitenden Erläuterungen des anwesenden Spezialisten ersetzen. Das allgemeine Wissenschaftsverständnis, auch das vieler Hochschulwissenschaftler, leidet übrigens an vielen Einseitigkeiten, z.B. an methodischen Vorurteilen, der Fehleinschätzungen der Bedeutung von Minderheitenpositionen oder Paradigmagläubigkeit. Die Verbindung von Wissen mit Anschauung ist jedenfalls eine der großen Stärken der Naturwissenschaftlichen Vereine. Zweitens: Auch die angestammte Rolle als Mittler zwischen Profis und Laien wird zunehmend wichtiger. Warum? Weil gerade auf dem Felde der Naturwissenschaften Laien vielfach verloren sind, wenn sie keine verlässliche Hilfe durch Fachleute erhalten. Sie werden gleichsam zur Beute vieler Interessenvertreter und die Experten aller Art können ihnen alles Mögliche erzählen, ohne dass sie eine Kontrollchance hätten. Aber auch das Umgekehrte gilt: Die Experten bedürfen des Kontakts mit den Nichtexperten; sonst heben sie ab, verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit und werden für uns alle gefährlich. Naturwissenschaftliche Vereine sind wie kaum ein anderer Ort institutionalisierte Kontaktstellen zwischen beiden Seiten und deshalb für beide von großem Nutzen. Drittens: Dass unser Schul- und gesamtes Bildungssystem große Schwächen hat, dafür steht heute das Wort „Pisa”. Die naturwissenschaftliche Schulbildung ist vielfach theorieüberlastet und anschauungsfeindlich. Artenkenntnis wir kaum noch vermittelt, in den Universitäten erst recht nicht. Als Wissenschaftsforscher, der dem sog. Bologna-Prozess, welcher zurzeit unsere Hochschulen umkrempelt, sehr kritisch gegenübersteht, weil mit ihm die letzten Reste des Humboldtschen Bildungsideals aufgegeben werden, sehe ich, dass den Universitäten für derlei Dinge wie die Vermittlung von Artenkenntnis und das wirkliche Eintauchen in die natürliche Vielfalt erst recht kein Raum mehr verbleibt; das ökonomische Denken besiegt nun auch den Bildungsprozess. Naturwissenschaftliche Vereine tun genau dies. In einer Zeit, in der die Politik sich langsam zur Sünde bekennt, zu wenig für die Bildung getan zu haben, ist dies eine starke Position (insbesondere auch, weil das, was die Politik jetzt in Bildungssachen tut, ebenfalls nicht besser ist). Viertens: Vielfach stellen eben die Naturwissenschaftlichen Vereine auch heute noch die personelle und fachliche Basis für beratende Gremien und andere Verbände. Noch gilt zumeist: Die besten Sachkenner sammeln sich hier. Wenn ich für ein regionales Problem einen Fachmann suche, ist der nächstgelegene Naturwissenschaftliche Verein meistens die beste Adresse. Die Vereine sind Garanten für solide Regionalforschung, nicht nur für Parolen und Emotionen, sondern für wirkliche Sachkenntnis. Diesen Standard gilt es zu halten, aber er ist auch ein Pfund, mit dem man wuchern kann und wuchern muss.

Und schließlich fünftens die Ehrenamtlichkeit. Ehrenamtlichkeit sichert Unabhängigkeit. Dies ist im Zeitalter von offener oder verdeckter Werbung, von Sponsoring, von geschickter ideeller oder ökonomischer Einflussnahme und vielen undurchsichtigen Machtkonstellationen ein sehr wichtiger Punkt. Zwar wird die Ehrenamtlichkeit heute von der um sich greifenden Professionalisierung bedrängt, bei der auch Forschungs-, Bildungs- und Schutzdienstleistungen bezahlt werden. Auch ich halte dies ihn vielen Einzelfällen für richtig. Aber umso wichtiger ist es, die Freiräume für ehrenamtlich tätige Personen und Gruppen zu sichern, weil nur diese wirklich unabhängig sind. Wir wissen, wie schnell die Förderung von Naturschutzstationen oder Naturkundlichen Bildungseinrichtungen zu Ende sein kann, wenn dem Geldgeber die Mittel ausgehen oder die ganze Richtung der Arbeit nicht mehr in den Kram passt. Nur Ehrenamtlichkeit schützt vor bösen Überraschungen und davor, dass Natur und Landschaft nicht völlig nach Interessenlage aufgeteilt werden. Dem Gutachten eines Naturwissenschaftlichen Vereins können wir oft mehr Unabhängigkeit zutrauen als dem Gutachten mancher Planungsbüros. Deshalb sind übrigens auch die natur- und landschaftsbezogenen Datenbanken der Vereine von großem Wert und dürfen nicht unüberlegt aus der Hand gegeben werden. Nein: Die ehrenamtlich tätigen Vereine werden durch die Professionalisierung nicht überflüssig, im Gegenteil: ihre Bedeutung wächst, weil sie wirklich unabhängig sind. Sie müssen allerdings ihre Rolle im veränderten Umfeld neu bestimmen. Aber es gibt diese Rolle und sie ist zukunftssicher.

Wenn man die heutige Situation ohne Vorurteile analysiert, dann wird man zu dem Schluss kommen: Wir brauchen auch in Zukunft die Naturwissenschaftlichen Vereine, wir brauchen sie gerade heute. Und deshalb müssen wir alles dafür tun, ihr mögliches Dahinscheiden zu vermeiden und die Faktoren, die sie heute existentiell bedrohen, zu erkennen und wirksam gegenzusteuern. Dies aber ist wegen ihrer Verstreutheit und Vereinzelung nicht leicht. Lassen Sie mich deshalb jetzt über die Konsequenzen sprechen, die wir aus dem Scheitern des Dachs DNVD gezogen haben.

Das Netz

Wir benötigten freilich eine gänzlich andere, viel offenere Organisationsform als es ein eingetragener Verein ist, nämlich die einer freien, beweglichen, nicht durch juristische Konstruktionen und Mitgliedschaften eingeschränkten Arbeitsgemeinschaft. Es sollte keine aufwendige eigene Institution entstehen, noch dazu von oben, sondern lediglich eine kleine schlanke Lenkungsgruppe, die ein Produkt auf den Weg bringt, das von den Vereinen genutzt und später selber weiterentwickelt werden könnte. Die Anstöße sollten von unten kommen. Uns war völlig klar, dass es hierfür nur ein geeignetes Medium gab, allerdings ein ideal geeignetes und zukunftsträchtiges: das Internet. Wir mussten versuchen, die Naturwissenschaftlichen Vereine untereinander zu vernetzen, ein Netzwerk der Naturwissenschaftlichen Vereine zu bilden.

Europa als geografischer Rahmen hätte gut in die heutige Zeit gepasst, aber auch unsere Möglichkeiten überstiegen. Deshalb haben wir uns auf Mitteleuropa beschränkt, ohne hierfür feste Grenzen vorzusehen. Die gleiche Offenheit sollte für die ins Netzwerk aufzunehmenden Vereine gelten; dies hatten wir aus der Abgrenzungsdebatte gelernt. Die klassisch definierten Naturwissenschaftlichen Vereinigungen, insonderheit die Mehrspartenvereine, sollten den Kern des Netzes bilden, aber wir wollten kein Prinzip daraus machen, Vereine abzuweisen, nur weil sie nicht zu hundert Prozent diesem Idealbild entsprachen. Und so haben wir es auch gemacht. Inzwischen fragen Vereine an: Warum sind wir nicht in Eurem Netzwerk drinnen? Beim Dachverband fragte man eher: Wann können wir austreten?

Was unterscheidet ein Netz von einem Dach, wenn es um Vereine geht? Angenommen, Sie haben dreizehn Vereine und wünschen sich für diese ein Dach. Dann müssen sie einen vierzehnten Verein gründen und diesen als Oberverein oder Dachverband definieren, so wie wir das getan haben. Sie haben dann eine Hierarchie und Abhängigkeiten zwischen oben und unten. Auch wenn Sie dies nicht wollen: die Hierarchie ist vorhanden; Sie können zumindest nicht verhindern, dass manche es so sehen. Es gibt bei einer solchen Konstruktion dreizehn Verbindungen, je eine zwischen dem Oberverein zu jedem Unterverein. Wenn Sie hingegen mit dreizehn Vereinen ein Netz bilden wollen, dann brauchen Sie keinen vierzehnten Verein, Sie brauchen kein oben und unten und haben keine Hierarchie. Sie vernetzen diese dreizehn Vereine untereinander, und dabei entstehen 78 Verbindungen. Kein Verein ist besonders hervorgehoben oder verfügt über mehr Verbindungen als jeder andere. Aber alle sind mit allen anderen verbunden. Vereinsnetzwerke sind ganz andere Organisationsformen als Vereinshierarchien. Sie sind flexibler, kommunikativer, demokratischer. Sie passen viel besser in die heutige Welt. Vereinshierarchien sind ein Relikt aus einer vordemokratischen Zeit. Nur Institutionen, für die Machtballungen wichtig sind und die Geld zu verteilen haben, bilden noch solche Leitorganisationen: Bankengruppen, Industrieverbände, Parteien, offenbar auch Umweltverbände; wir haben sie nicht nötig. Die kleine Lenkungsgruppe benötigt keine präsidialen Insignien. Sie gibt Anstöße, alles andere muss und kann sich selbst entwickeln. Selbstorganisation und zwar in unaufwendiger Form anzustoßen: darum geht es. Die Vereine brauchen keinen Retter, der sie zum Überleben zwingt, sondern gangbare Wege, die sie selber beschreiten können, wenn sie das wollen. Und mehr noch als Geld brauchen sie hierfür Ermutigung, Ideen und Information.

Es ist ärgerlich, dass wir all dies nicht bereits 1992 besser durchschaut haben. So hat erst die Auflösungsversammlung des DNVD 2005 diesen Auftrag erteilt: mit dem angesparten Geld des verflossenen Dachverbands, der nie wirklich einer war, ein internetbasiertes Netzwerk für die Naturwissenschaftlichen Vereine Mitteleuropas, NNVM, zu entwickeln. Im Jahre 2006 hat die in Paderborn gewählte vierköpfige Lenkungsgruppe hiermit begonnen. Wir haben zunächst ein elektronisches NNVM-Info entwickelt und seither im Zwei- bis Dreimonatsrhythmus an alle uns bekannt gewordenen Mailadressen Naturwissenschaftlicher Vereine in Mitteleuropa versandt; der Gesamtverteiler umfasst zurzeit über 250 Adressen. Auf Mitgliedschaften müssen wir jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Mit einem Mausklick können dabei auch Informationen oder Fragen der Vereine an alle anderen gerichtet werden. Wir haben sodann ein erfahrenes professionelles IT-Unternehmen damit beauftragt, für zunächst rund einhundert Vereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter der Internetadresse http://www.nnvm.org/ eine komplexe Datenbank zu erstellen, die alle wesentlichen Fakten dieser Vereine in leicht aktualisierbarer Form enthalten und zur Basis einer informativen Homepage über Naturwissenschaftliche Vereine und ihre Probleme machen sollte.

Die Vereine sollten über Landkarten lokalisierbar, über Länderlisten und Städtenamen auffindbar sowie mit Anschrift und Mailadresse erreichbar sein. Jeder Verein mit eigener Homepage sollte aus dem Netzwerk heraus mit dieser aufrufbar sein, sodass sich jeder Interessierte überall auf dem Erdball jederzeit in Sekundenschnelle über die mitteleuropäischen Naturwissenschaftlichen Vereine sollte informieren können. Da immer mehr Vereine eine eigene Homepage einrichten, auf der sie auch über ihre aktuellen Programme, Projekte und Veröffentlichungen informieren, würde auf diese Weise im Laufe einiger Jahre ein überall von dieser einzigen Stelle aus aufrufbares Bild der gesamten Bewegung entstehen. Dies ist dann 2006 in wesentlichen Teilen auch so umgesetzt worden. Die Mitglieder der Lenkungsgruppe bekamen darüber hinaus Zugriff auf die Datenbank selbst und auf eine Statistik, die uns jederzeit die weltweiten Aufrufe der NNVM-Seite zeigt. Wir konnten schon bald sehen, dass diese nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern, sondern auch aus ganz Europa, den USA und anderswoher kamen.

Wir konnten deshalb auf der ersten NNVM-Tagung im September 2006 in Cottbus, ausgerichtet von Naturwissenschaftlichen Verein der Niederlausitz im Stil der erfolgreichen DNVD-Tagungen, mit den etwa vierzig Teilnehmern aus vier Ländern über Beamer online in diesem ganzen Datennetz spazieren gehen. Die Bequemlichkeit, mit der man hierbei aus den Listen oder den Landkarten alle Vereine mit eigener Homepage jederzeit direkt erreichen konnte, wurde dabei als besonders vorteilhaft empfunden. Vor wenigen Wochen hat in Naturkundemuseum Münster die zweite NNVM-Tagung stattgefunden, und in einem Jahr werden wir damit erstmals in ein Nachbarland gehen und zwar zum Klagenfurter Verein in Kärnten. 2009 wird die Jahrestagung wahrscheinlich wieder in Deutschland, nämlich in Magdeburg stattfinden und 2010 hoffentlich das erste Mal in der Schweiz, wo die Naturwissenschaftlichen Vereine schon lange zentral organisiert sind und deshalb manche unserer Probleme nicht haben. Jeder Interessierte kann jetzt an diesen Tagungen teilnehmen.

Der Neuanfang ist also geschafft. Es gibt einige Verzögerungen beim weiteren Ausbau des Systems, und vom Ziel einer machtvollen Lobby für die Naturwissenschaftlichen Vereine sind wir noch weit entfernt. Dennoch ist der Kern eines einfachen, grenzüberschreitenden Informations- und Kommunikationsnetzes der Vereine untereinander vorhanden und für alle ohne jede Mitgliedschaft, ohne Beitrag und ohne Postgebühren jederzeit nutzbar. Der Generationenwechsel in den Vereinen wird helfen, die neuen Möglichkeiten anzunehmen und zum Wohle der Vereine zu nutzen. Freilich: ein Selbstläufer ist dies alles noch nicht. Noch braucht die Lenkungsgruppe neue Mithelfer. Die neuen Perspektiven müssen weiter konkretisiert und ausgestaltet werden. Letztlich aber werden die Vereine im Netzwerk ihre Anpassung an die heutige Zeit selber organisieren. Lassen Sie mich hierzu noch ein paar inhaltliche Anmerkungen machen.

Neue Perspektiven

Die Naturwissenschaftlichen Vereinigungen, denen man noch anmerkt, dass sie großenteils Kinder des 19. Jahrhunderts sind, nicht wenige auch des 20., brauchen eine neue Vision ihrer tatsächlichen Wichtigkeit und Rolle im 21. Jahrhundert. Dabei stehen die klassischen Aktivitätsfelder nicht infrage. Es muss aber ein geschärftes Bewusstsein hinzukommen, das es ihnen erlaubt, öffentlich wahrnehmbar in unserer Gesellschaft wieder einen selbstbewussten aktive Part zu spielen. Ich greife sieben Stichworte heraus, die mir dabei besonders wichtig zu sein scheinen.

1. Die Stärken ausspielen: Die Naturwissenschaftlichen Vereine waren und sind stark in der Verbindung ihrer drei Hauptziele Forschung, Bildung und Schutz und in der Mittlerfunktion zwischen Profis und Laien. Es gibt keinen Grund, diese Stärken aufzugeben oder auch nur zu vernachlässigen. Sie sind nicht altmodisch, sondern begründen die Zukunftsfähigkeit unserer Vereine. Andere sind da einseitiger. Dies bedeutet aber auch: Jede Einseitigkeit, die bei einem Naturwissenschaftlichen Verein einreißt, kann für ihn riskant werden. Reine Forschungsvereine oder solche, die sich zu stark ausschließlich auf ihre professionellen Wissenschaftler verlassen, schwächen ihre Identität. Dies geschieht auch, wenn ein Naturwissenschaftlicher Verein zu einem reinen Naturschutzverein wird oder gar keine professionellen Wissenschaftler mehr anzieht (wobei es manchmal auch an den Wissenschaftlern liegen kann, wenn sie die Chancen, die ein solcher Verein ihnen bietet, nicht erkennen, suchen und nutzen). Die Modernität der Idee eines Naturwissenschaftlichen Vereins liegt nicht in einer einzelnen Komponente seiner Aufgaben, sondern in deren Verbindung. Sie sichert ihm die Nische, in der er sich weiterentwickeln kann.

2. Neue Felder erschließen: In inhaltlicher Hinsicht muss ein Naturwissenschaftlicher Verein mit aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten versuchen. Keiner kann dies auf allen Gebieten schaffen, aber wer sich auf keinem darum bemüht, wird abgehängt werden. Hier ist mancher Verein ein bisschen eingeschlafen. Manchmal muss man dabei nicht geeignete Personen für bestimmte Fachgebiete suchen, sondern umgekehrt geeignete Fachgebiete für bestimmte aktive Personen. Ohne die geht es natürlich nicht. Flexibilität bei der Erschließung neuer Aktivitätsfelder hilft dabei sehr. Sie hilft vor allem, den Anschluss an die Probleme nicht zu verlieren, die die Menschen bewegen. Die Energiefragen, die Evolution, der Weltraum, der Klimawandel, die Eutrophierung von Böden und Gewässern gehören dazu. Die Vereine dürfen nicht nur zeitlose Einzeldisziplinen wie Geologie oder Botanik pflegen; interdisziplinäre und insbesondere transdisziplinäre Perspektiven werden in der Wissenschaft immer wichtiger. Bei den Vereinen ist die nicht anders. Natürlich werden nur kleine Schritte möglich sein, wenn längere Zeit etwas versäumt worden ist. Aber diese kleinen Schritte sind notwendig. Nichts ist so schlimm, als den öffentlichen Eindruck zuzulassen, als hielte man sich aus den großen Fragen der Zeit völlig heraus.

3. Lebensnahe Wissenschaft betreiben: Die modernen Naturwissenschaften haben vielfach die Lebensnähe verloren. Labors und Geräte haben den natürlichen Rahmen ersetzt. Theorien sind komplex geworden und werden in schwerverständlicher mathematischer Gestalt formuliert. Die naturwissenschaftlichen Vereine können dies nicht ändern, aber sie können, ja sie müssen etwas anderes tun: die aufgerissene Lücke zum Leben und zur Natur überbrücken helfen. Damit helfen sie auch der Wissenschaft. Ihnen verbleiben nicht nur inhaltliche Felder, die an den Schulen und Universitäten immer weniger gepflegt werden, sondern auch die Aufgabe der Veranschaulichung des Unanschaulichen, der Rückholung der Laborsituation in die Natursituation und der Konkretisierung des Abstrakten. Es geht weder darum, um den Preis der Verständlichkeit alle Bereiche der modernen Naturwissenschaften nachvollziehen zu wollen, noch darum, ihren angeblichen Naturverlust zu kritisieren. Es geht darum, ihre bisweilen fehlende Lebensnähe durch anschauliches Erleben in der Landschaft, konkrete Beispiele und eine einfache Sprache zu verringern. Dies kann durchaus schwierig sein. Als Wissenschaftsforscher weiß ich, dass niemand so geflissentlich darauf achtet, in seinen Sprechweisen besonders streng wissenschaftlich zu erscheinen, wie manche Autodidakten und gelehrte Laien. Dies wirkt dann bisweilen etwas komisch. (Übrigens können die wissenschaftlichen Profis von der gleichen Schwäche befallen sein, nur fällt dies im Verkehr mit ihresgleichen leider weniger auf).

4. Nicht unpolitisch sein: Bei unseren Befragungen sind wir immer wieder auf die Aussage gestoßen, dass die Wissenschaft sich aus der Politik heraushalten solle. „Wir sind kein politischer Verein”, wurde oft zur Entschuldigung vorgebracht, wenn die Rede auf die mangelnde Öffentlichkeitswirksamkeit kam. Gerade im Verhältnis zu Bürgerinitiativen und Naturschutzverbänden wurde die Wissenschaftlichkeit betont, die ein politisches Engagement nicht zuließe. Auch die Medienabstinenz wurde gelegentlich mit der Notwendigkeit begründet, die Dignität der naturwissenschaftlichen Aussage nicht zu verunklären. Aus der Sicht eines Wissenschaftsforschers liegen hier Missverständnisse vor. Wissenschaft, auch Naturwissenschaft, ist immer hochpolitisch. Wir befassen uns mit grundlegenden Lebens- und Überlebensfragen und erwarten zu Recht, dass die Gesellschaft unsere Erkenntnisse beachtet. Deshalb liegt es auch an uns, sie durch Mediennutzung und Beteiligung an der öffentlichen Diskussion hierfür mit Argumenten auszurüsten. Mit Parteipolitik hat dies nichts zu tun, aber die Vorstellung, ein Naturwissenschaftlicher Verein müsse gänzlich unpolitisch agieren, um seine Wissenschaftlichkeit nicht zu gefährden, ist eine überholte Idee von einer Wissenschaft im Elfenbeinturm der obrigkeitsstaatlichen Gründerzeit der Vereine. Hier besteht Nachholbedarf, aber er wird den Vereinen helfen, wieder Anschluss an das Bewusstsein der Gesellschaft zu finden.

5. Kooperationen suchen: Es gibt im Einzelfalle sicherlich Gründe, warum hie und da ein naturwissenschaftlicher Verein mit einem Naturschutzverband oder dem Naturkundemuseum vor Ort nicht kooperiert. Grundsätzlich aber ist Nichtkooperation kein guter Ratschluss. Bei unseren Umfragen ist uns aufgefallen, wie häufig diese Isolation gewählt wurde. Auch die Vereinzelung der Vereine, die aus ihrer Gründungsgeschichte resultiert, führt in der Gegenwart nicht mehr weiter, sondern in ausweglose Situationen. Unser NNVM-Netzwerk setzt deshalb auf Kommunikation und Kooperation, sogar über Landesgrenzen hinweg. Die regionale Arbeit eines Naturwissenschaftlichen Vereins ist immer in Gefahr, leicht provinziell zu wirken. Jede Art von Kommunikation und Kooperation hilft, dagegen anzugehen. In den Orten, wo zum Beispiel Landschafts- und Naturschutzbeiräte kooperativ besetzt und geführt werden, geht es den Vereinen in der Regel besser als dort, wo man Gegnerschaften pflegt. Natürlich sind Kooperationen immer eine Sache auf Gegenseitigkeit; allein kann man sie nicht herbeizwingen. Aber wir hatten den Eindruck, dass sich manche Vereine zu wenig um sie bemühen.

6. Angebote für Kinder und Jugendliche machen: Wenn es ein Feld gibt, das viele Vereine in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt haben, dann ist es dieses. Ich werde nicht vergessen, wie der verblichene DNVD einmal eine Jahrestagung bei einem Verein durchführte, wo dies sehr deutlich wurde. Der gesamte umfangreiche Vorstand begrüßte uns in der an bibliophilen Schätzen reichen Vereinsbibliothek, und niemand der Damen und Herren war unter siebzig, zwei an die neunzig. Es waren höchst eindrucksvolle, fachlich äußerst versierte Personen, aber sie verkörperten einen Verein, der sich seit langem nicht um seinen eigenen Nachwuchs bemüht hatte. Die Vorstellung, man könnte vielleicht sogar ein Angebot für Kinder machen, erzeugte Heiterkeit. Wir besuchten auch einen Verein, dessen Vorsitzender - ein Professor für Physik - seit ein paar Jahren aus Überzeugung Kinder an Naturwissenschaft und Technik heranführte. Er bekam keinerlei Unterstützung aus seinem Vorstand, bis er im vorigen Jahr verzweifelte und den Vorsitz wieder aufgab. Ein Verein, dessen Wissenschaftsbild nur auf Erwachsene gerichtet ist, gibt sich selber auf. An der Notwendigkeit, sich auch an Jugendliche und sogar Kinder mit Methoden zu wenden, die diese ansprechen, führt kein Weg vorbei. Selbst die Universitäten haben dies mittlerweile erkannt. Kinder- und Jugendgruppen kann übrigens kein Alter leiten; hierfür muss man ganz junge Leute mit einem Vertrauensvorschuss ausstatten.

7. Den kulturellen Raum nicht meiden: Auch wenn die Natur den Aktivitätsraum eines Naturwissenschaftlichen Vereins abgrenzt, ist auch dies keine scharfe Grenzlinie. Uns allen ist das zum Beispiel vom Begriff der Kulturlandschaft her bewusst. Nicht gewohnt sind viele Vereine, weitere Übergangszonen zwischen Natur und Kultur zum Thema zu machen, die sie von ihrer Seite aus oder gemeinsam mit einem Partner aus der kulturellen Sphäre erkunden könnten und sollten, wenn sie neue Interessenten für ihre Sache gewinnen möchten: zum Beispiel den Vergleich der Kommunikation der Tiere und der Menschen, die Evolution der Kultur, die Frage, ob wir für die Kultur aus der Natur lernen können oder sollen, der notwendige Umbau unserer unökologischen Ökonomie und vieles andere mehr. Häufig hat dies Projektcharakter und ist weniger leicht zu veranschaulichen als anderes. Dennoch kann man sich darum bemühen, auch um geeignete Kooperationspartner: um einen Lehrer, der dem Verein bisher fern steht, um einen ökologisch aufgeschlossenen Wirtschaftsführer, um eine Institution wie eine Kirche oder das örtliche Theater und andere. Warum sollte man dies tun? Weil sich der kulturelle Raum auf Kosten des natürlichen Raums immer mehr ausdehnt. Einerseits bringt dies die Gegenstände unseres Interesses in Gefahr, andererseits können wir neue Mitstreiter gewinnen, die wir freilich in ihren jeweiligen kulturellen Nischen abholen müssen. Umstandslos, durch einfaches Weiter so! ist die Zukunft für die Naturwissenschaftlichen Vereine viel unsicherer. Sich etwas einfallen lassen und der Identität unserer Vereine neue Facetten hinzufügen: Ich denke, dies ist möglich und sogar sinnvoll, weil zukunftsweisend.

Und damit komme ich zum Schluss. So schön es ist, wenn man in klimatisch unsicheren Zeiten ein Dach über dem Kopf hat, so ist es doch wichtiger zu wissen, dass man nicht allein ist. Das Dach ist nur sicher, wenn es stabil ist; sonst wird es eher zum Unsicherheitsfaktor. Das Netz, das uns mit anderen verbindet, ist eine flexiblere Größe; wir können es einfach beginnen und dann im Laufe der Zeit weiter ausbauen. Über die vielen Knoten des Netzes erhalten und versenden wir Informationen. So wissen wir und andere, wer wo sitzt, was wo läuft, wo welche Stärken oder Schwächen vorhanden sind. Ein Dach kann uns bestenfalls vor dem Unwetter schützen, über ein Netz kommen wir vielleicht an Hilfe heran oder können Hilfe gewähren. Ein Dach ist nicht zu verachten, wenn es seine Funktion erfüllt, aber das Netz bilden wir selbst. Wir haben es selber in der Hand, es uns anzupassen und für unsere Bedürfnisse zu stärken. Zukunftsweisende Perspektiven für unsere in die Jahre gekommenen, hochverdienten Vereine finden wir weniger, indem wir sie überdachen, als dadurch, dass wir sie miteinander vernetzen. Und neue Ideen entwickeln, die uns weiterbringen.



* Der Autor ist Sprecher des „Netzwerks der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen Mitteleuropas” (NNVM), Internetadresse http://www.nnvm.eu/; Anschrift: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. P.F., Telgenbrink 79, D-33739 Bielefeld

Quelle: https://nnvm.eu/web/Vom_Dach_zum_Netz:_Neue_Perspektiven_für_die_Naturwissenschaftlichen_Vereine