Der schwierige Weg zur Wissensgesellschaft (2012)

Aus NNVM (Netzwerk der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen in Mitteleuropa)
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Peter Finke1)


Es ist beliebt, unsere heutige Gesellschaft als Wissensgesellschaft zu bezeichnen. Verglichen mit früheren Zeiten ist das sicher richtig. Mythen, Glaube und Aberglaube spielen längst nicht mehr die Rolle, mit der sie in der Vergangenheit ein bestimmendes Element der sozialen Entwicklung waren. Und doch eilt die Bezeichnung der Wirklichkeit voraus und beschreibt eher ein erstrebenswertes Ziel als schon erreichte Realität.
Obwohl alle Menschen im Prinzip den gleichen Zugang zu Wissen haben könnten, ist er in Wirklichkeit doch höchst ungleich verteilt. Eine gute Bildung als Voraussetzung wird keineswegs allen zuteil, sondern am ehesten denen, die schon vom Schicksal ein hierfür offenes soziales Milieu als Mitgift mitbekommen haben. Dies ist noch immer eine Minderheit; die weit überwiegende Mehrheit bleibt nicht aus Dummheit, sondern durch nicht selbstverschuldete Ungerechtigkeiten ausgeschlossen. Dies bedeutet nicht, dass diese Menschen kein Wissen hätten oder erwerben könnten. Aber es bedeutet doch, dass sie es auf diesem Gebiet weit schwerer haben als die glücklichere Minderheit. Zugleich bedeutet es, dass die vollmundige Rede von einer Wissensgesellschaft als Tatsachenbeschreibung überzogen ist. Sie nimmt vorweg, was wir anstreben müssen, aber sie verschweigt unsere Versäumnisse und Fehler. Wir sind eben noch auf dem Weg zu einer umfassend durch Wissen geprägten Gesellschaft, und dieser Weg ist offenbar schwierig. Natürlich ist es die Politik, die den Stellenwert der Bildung bisher notorisch zu niedrig angesetzt und fast stets Sicherheit und Wohlstand höher angesiedelt hat. Obwohl einige tapfere Bildungspolitiker sich zurzeit um eine Korrektur bemühen, bleiben Zweifel bestehen, weil ihre Fortschritte nicht groß genug sind.

Wirtschaft und Wissenschaft

Neben der Politik gibt es allerdings noch zwei andere gesellschaftliche Kräfte, die für eine solche Korrektur entscheidende Weichen stellen müssen: die Wirtschaft und die Wissenschaft. Ohne sie stehen auch die Politiker auf verlorenem Posten. Dabei ist die Wissenschaft scheinbar freier als die Wirtschaft, weil sie im Unterschied zu dieser das gleiche Ziel vertritt: die Voraussetzung für mehr und besseres Wissen durch mehr und bessere Bildung zu optimieren. Für die Wirtschaft scheint dies nur ein Mittel zu einem anderen Zweck zu sein: durch mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte das Bruttosozialprodukt zumindest halten und sichern, im Idealfall auch steigern zu können. Zwar ist einzuräumen, dass dies dem Ganzen der Gesellschaft und dem Staat insgesamt zugute kommt, doch in erster Linie sichert es deren ökonomisches Fundament, unabhängig vom Eigenwert guter Bildung und Ausbildung. Es ist ein Dilemma unserer Wirtschaft, bislang enge Gewinnziele derart in den Vordergrund ihrer Selbstbegründung zu stellen, dass sie nicht immer glaubhaft machen kann, welch große gesamtgesellschaftliche Bedeutung ihr Engagement für gute Bildung hat. Ihr Umbau zu mehr Zukunftsfähigkeit und echter Nachhaltigkeit, nicht nur solcher, mit der sich Reklame machen lässt, ist deshalb auch unter dem Ziel einer Aufwertung der Bildung notwendig. Die Wissenschaft hat dieses Problem nicht, aber sie hat ein anderes: Sie schmort im eigenen Saft. Weit über 90 Prozent der wissenschaftlichen Kommunikation ist Fachkommunikation. Wissenschaftler reden mit Wissenschaftlern, und sie tun es in Fachsprachen. Selbst die eigene Landessprache hat hierbei das Nachsehen, wenn sie nicht Englisch ist. Da die internationale Verständigung in Dingen der Forschung wichtig ist, ist dies kaum vermeidbar, und ich will diese Diskussion hier nicht eröffnen, nur anmerken, dass wir dabei nicht übersehen dürfen, dass auch andere Sprachen als Wissenschaftssprachen erhalten bleiben und entwickelt werden müssen. Mein Hauptpunkt aber ist ein anderer: Die Konzentration der wissenschaftlichen Kommunikation auf sich selbst behindert die Erkenntnis, dass das Fundament jeder Wissenschaft – Wissen – viel breiter angelegt, prinzipiell zugänglich und offen für die Beteiligung weiter Bevölkerungskreise bleiben oder werden muss.

Anknüpfungspunkte

Hierum geht es. Es gibt vielfache Ansatzstellen in unserer Gesellschaft hierfür. Sie illustrieren die Potenziale, die wir heben und verstärken müssen. Da ist die Hausfrau, die, ohne je eine Universität von innen gesehen zu haben, zu einer Mykologin von Rang wurde, nicht nur fähig, auch in schwierigen Fällen den essbaren vom nichtessbaren Pilz zu unterscheiden, sondern unscheinbarste Vertreter ihrer Sippe aufzufinden, zu identifizieren und zu kartieren. Da ist der Versicherungsangestellte, dessen Begabung und Interesse für Sprachen ihn zu einem Experten für Indianersprachen werden und sogar eine unter Linguisten bis heute diskussionswerte Theorie formulieren ließ. Da ist der Grundschullehrer, der seine Kritik am herrschenden Finanzsystem zur Entwicklung der Idee eines funktionsfähigen Regiogeldes ausbaute und damit ein Modell schuf, von dem wir heute als Musterbeispiel überregional profitieren. Da sind viele Pflanzen- und Vogelkenner, die ihre Beobachtungen sammeln, zur Auswertung einsenden und damit auf einem Felde für aktuelles Umweltwissen sorgen, aus dem sich die meisten Universitäten längst verabschiedet haben. Auch andere Vertreter eines Hobbys, dem man zunächst nur persönlich relevanten Zeitvertreib zutrauen würde, etwa Aquarienfreunde, können wertvolle Erkenntnisse etwa zum Fischverhalten oder zu Vermehrungsbedingungen bestimmter Arten sammeln. Oder es sind Mitglieder von Bürgerinitiativen und anderen Gruppen, die die Verbesserung ihres sozialen Schicksals dadurch in die eigenen Hände zu nehmen versuchen, dass sie gemeinsam das hierfür nötige Wissen erarbeiten, das beizubringen und zu berücksichtigen staatliche Stellen nicht schaffen.

Anerkennungsproblem

Warum ist dies alles nicht bekannter, nicht anerkannter, nicht wirklich im Bewusstsein der Gesellschaft als verstreute Pionierleistungen zuzeiten einer allgemeinen Misere der Breitenbildung präsent? Ein Grund ist die seltsame Zurückhaltung der professionellen Wissenschaft. Sie hat das Problem, dass sie zu wenig zur Kenntnis nimmt, was außerhalb ihrer selbst an Potenzialen ernsthaften Wissenserwerbs in unserer Gesellschaft lebendig ist, obwohl keine Hochschule und kein Labor, auch keine Forschungsabteilung eines großen Industrieunternehmens diejenigen bezahlt, die dieses Wissen erarbeiten. „Wissenschaftler“ – diesen Titel möchte man offenbar ungern mit Personen teilen, die es nicht von Beruf sind; sie können noch so fleißig ehrenamtlich Wissen schaffen. Kaum ein Lehrstuhlinhaber für Wissenschaftstheorie befasst sich intensiv mit diesem Phänomen der außerhalb der professionellen Wissenschaft vielerorts keimenden oder sogar blühenden Bemühungen um meist praxisnahes, oft regional bedeutendes Wissen. Dies ist ein Fehler, denn hier liegt das wahre, das breite, nicht an Berufe und Institutionen gebundene Fundament aller Wissenschaft. Gelegentlich führt es auch mal zu einer Spitzenleistung, aber entscheidend ist dies nicht. Entscheidend sind Ernsthaftigkeit und Tiefe des Bemühens, seine Streuung innerhalb aller Schichten der Bevölkerung, die Einbeziehung vieler Menschen und ihre Beteiligung an einem großen Gemeinschaftsprojekt: der Schaffung der Wissensgesellschaft.
Die Basis jeglicher Wissenschaft ist das Streben nach Wissen, nicht ein Beruf oder eine Institution. Die für viele erreichbaren Wissensniveaus bleiben relativ einfach, und doch erfordern auch sie hinreichende Vorkenntnisse, die derjenige, der sie nicht durch Familie, Schule oder Hochschule mitbekommen hat, zwar autodidaktisch erwerben kann, aber auch hierfür muss er durch Vorbildung in die Lage versetzt sein. Deshalb ist es erstaunlich, wie breit trotz der unbefriedigenden Bildungspolitik das Bedürfnis zur Mitgestaltung unseres Wissensfundaments ist, denn in den Gruppen, Vereinen oder Initiativen, die es hierfür gibt, arbeiten Menschen der verschiedensten sozialen Schichten und Berufe mit, nicht selten darunter auch einige Profiwissenschaftler, die hier kompensieren, was sie in ihren beruflichen Disziplinen und Institutionen vermissen.
Abgesehen davon, dass uns die Politik bislang nicht mit einer angemessenen Einschätzung der Bedeutung von Bildung verwöhnt hat, hat es nämlich auch die Wissenschaft bisher versäumt, ihren eigenen Nährgrund im allgemeinen Wissensbedürfnis der Menschen ernst zu nehmen und ihre tiefe Verankerung in der Gesellschaft als Basisfunktion für alle professionelle Wissenschaft herauszuarbeiten. Einzelne begabte Kommunikatoren, die in den Medien die hohe Wissenschaft verständlich zu machen verstehen, sind kein Ersatz für eine fehlende Aufarbeitung jenes Wissenshumus, aus dem alles wächst, was dann hie und da zu wissenschaftlichem Profitum werden kann, aber auch nicht werden muss. Dass hier jedenfalls im deutschsprachigen Bereich eine Lücke klafft, sehen wir daran, dass wir bisher keine befriedigende Übersetzung des angelsächsischen Ausdrucks „citizen science“ kennen, der das bezeichnet, wovon ich spreche. Bezeichnungen wie „Bürgerwissenschaft“, „Amateurwissenschaft“, „Autodidaktentum“, „ehrenamtliche oder „Laienforschung“ jedenfalls treffen zwar Teile dessen, was gemeint ist, doch transportieren sie zugleich Assoziationen und Vorurteile, die abwerten, was viel eher aufgewertet gehört. Ein Laie, ein Autodidakt, ein Amateur: Kann er das heute in der Wissenschaft Nötige bieten? Ist es nicht überzogen, von ihnen ernsthafte Beiträge zum Wissen der Zeit zu erwarten? So scheinen viele zu denken. Und doch wäre es falsch. Jede Wissenschaft beginnt mit einfachen Dingen. Und Fehler kommen überall vor. Leider gibt es auch Dummköpfe und Scharlatane, doch gilt dies für die hohe professionelle Wissenschaft nicht minder. Freilich ist in ihr die Kontrolle durch die überall stattfindende Kritik in einer scientific community dichter als dort, worüber ich spreche. Und nicht jedes Wissen, das viele Profis beibringen, ist von Dauer. Manches ist gut, manches ist weniger gut. Auch dies kennen wir aus jeglicher Wissenschaft. Nein: Citizen science, das bezeichnet nicht per se einfache oder sogar schlechte Wissenschaft, sondern der Begriff bezeichnet die breite Basis jeglicher Wissenschaft in einer modernen Gesellschaft. Der beste Beleg dafür ist es, wenn die professionelle Wissenschaft an einer geeigneten Stelle andockt und das, was jemand erarbeitet hat, behandelt, als wäre es von ihr selbst. Uns allen jedenfalls wäre geholfen, wenn das Bewusstsein davon, dass der Nährboden jeden Wissens und jeglicher Wissenschaft in jedem Menschen und überall in unserer Gesellschaft angelegt ist, allen Beteiligten klarer und Anlass zum Handeln würde.
Hierzu gehören diejenigen, die jene falsche Bildungspolitik zu verantworten haben, an der wir seit langem leiden. Es sind nicht nur die wenigen Spitzen der Wissensgebäude, die weithin leuchten können, welche die Wissensgesellschaft voranbringen, sondern mehr als diese deren breite Fundamente in der ganzen Gesellschaft, die eine entschiedene Unterstützung verdienen. Die heutige Förderung der Spitzenforschung setzt viel zu spät und zu hoch an, um Wissen und Wissenschaft langfristig gut aufzustellen. Fast alles, was vor, neben und außerhalb der professionellen Wissenschaft stattfinden muss, damit diese einen flächig ausreichenden Nährboden findet, wird übersehen oder gering geachtet. Die neuen Anstrengungen, die Bildungsetats zu vergrößern, sind zu begrüßen, aber sie zeugen noch immer von einer grotesken Minderbewertung dieses Politikfeldes, das auf Spitzen verengt wird. Die Konzentration auf die Institutionen des Wissens, ja auf ganz bestimmte „exzellente“ von ihnen, bedeutet nicht nur eine Verschwendung der Arbeitskraft von Wissenschaftlern, von denen nur wenige für die Mühen der Erarbeitung von Konzepten und Modellen belohnt werden, sondern vor allem eine völlige Blindheit für die Ursachen, die uns noch immer von einer wirklichen Wissensgesellschaft trennen.

Die Aufgabe

Dass wichtiges Wissen, ja dass gute, aktuelle, praxisbezogene Wissenschaft in allen Teilen der Gesellschaft, oft ehrenamtlich oder in Kooperation mit freiwillig zuarbeitenden Fachleuten erarbeitet wird, wird in seiner Bedeutung für Ausmaß, Stabilität und Zukunftsfähigkeit des Staates insgesamt bislang kaum wahrgenommen. Dies zu ändern ist eine vordringliche Aufgabe verantwortungsvoller Reformen. Sie müssen von Politikern, aber auch von der Wirtschaft und sogar der Wissenschaft selbst mutig angepackt werden. Machen wir uns endlich auf den schwierigen Weg zur wirklichen Wissensgesellschaft.

1)Erschienen in: Forschung & Lehre; 11|12; S.650-652

Quelle: https://nnvm.eu/web/Der_schwierige_Weg_zur_Wissensgesellschaft_(2012)