Bericht über die Tagung 2009 in Magdeburg

Aus NNVM (Netzwerk der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen in Mitteleuropa)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Bericht über die Tagung des Netzwerkes der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen in Mitteleuropa (NNVM) 2009 in Magdeburg

Von Dr. Volker Münchau (Lübeck)

Freitag, 11. September 2009

Von 14 bis 17 Uhr trafen sich die 2008 gewählten Mitglieder der Lenkungsgruppe des NNVM zu einer ersten Besprechung im Magdeburger Hotel „Intercity”. Sie bereiteten insbesondere die NNVM-Konferenz am nächsten Tag vor und wurden hierbei von 15 bis 16 Uhr unterstützt von Herrn Harald Müller (stellvertretender Vorsitzender des Gastgebervereins und einer der Organisatoren der Tagung).

Nach der Anmeldung zur Tagung, bei der Herr Müller im Gebäude des Naturkundemuseums die gut vorbereiteten Tagungsunterlagen und Namensschilder ausgab, starteten wir zum ersten Veranstaltungspunkt, der Stadtführung mit Herrn Bernd Rosenburg. Die Wunden des letzten Krieges und der Planwirtschaft sind weitgehend überwunden. Das Stadtbild ist jetzt wieder freundlich und hell. Leider bleiben viele der wunderschönen Barockbauten des alten Magdeburg nur in der Erinnerung der „Alten” lebendig.

Die Kirchen, vor allem der geschichtsträchtige Dom, Erinnerung an den ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Otto den Ersten, zeigen die Entwicklung von der Romanik zur Gotik. Deutlich wurden aber auch die militärischen Katastrophen, die die Stadt heimsuchten; vom 30-jährigen Krieg über die Feldzüge Napoleons bis zum Wahnsinn des 20. Jahrhunderts. Ebenso die wissenschaftlichen Leistungen vieler bekannter Magdeburger Bürger, allen voran Otto von Guericke. Eine Attraktion der Moderne war nicht zu übersehen: das große Hundertwasser-Haus, die „Grüne Zitadelle”, welche ein ganzes Viertel überdeckt.

Nach dieser sehr eindrücklichen Stadtführung beschlossen wir den Tag mit einem gemeinsamen Abendessen in der „Ratswaage”. Jetzt konnten die Kontakte zu den Mitgliedern des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Magdeburg, die die Tagung organisiert hatten, privat aufgenommen werden.

Sonnabend, der 12. September 2009

Um 8 Uhr 30 begann die Jahrestagung des NNVM im Schmuckhof des Museums für Naturkunde mit Grußworten von Herrn Prof. Dr. Matthias Puhle, dem Leitenden Direktor der Magdeburger Museen, Herrn Rolf Rathke, dem Ersten Vorsitzenden des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Magdeburg und Herrn Dr. Hans Pellmann, Leiter des Museums für Naturkunde, Magdeburg.

Wir wechselten daraufhin in den nebenan liegenden Besprechungsraum, wo wir von Frau Rathke mit Kaffee, Tee und Kuchen bewirtet wurden. Herr Prof. Finke eröffnete daraufhin die diesjährige NNVM-Konferenz und es schloss sich die Selbstvorstellung der Teilnehmer an. Anschließend, wieder im Schmuckhof, zeigte er eine neue Powerpoint-Präsentation über die Entwicklung des NNVM, und nach deren Ende setzten wir die Konferenz im Besprechungsraum mit der Allgemeinen Aussprache und der Wiederwahl der Lenkungsgruppe fort. (Zu Einzelheiten von Verlauf und Ergebnissen dieser Konferenz vgl. das Protokoll unter dem Menüpunkt „Tagungen: NNVM-Konferenz 2009″).

Nach einem Mittagessen in der Gaststätte der nahe gelegenen Kammerspiele, welches uns der gastgebende Verein servieren ließ, führte uns Herr Dr. Pellmann durch die noch der Öffentlichkeit zugänglichen Teile des Museums für Naturkunde, der die städtische Entwicklung seit dem Altertum zeigt, in den „Präparationskeller” und die im Aufbau befindliche Ausstellung zur Evolution und allgemeinen Naturkunde.

Sehr beeindruckend waren die Darstellungen zur Geschichte vom 12. bis 14. Jahrhundert! Ein Temperaturanstieg von + 3 Grad Celsius, Aufblühen des Ackerbaues, Weinanbau bis Schweden, Zunahme der Bevölkerung, Zunahme des Wohlstandes, und dann der Kälteeinbruch im 14. Jahrhundert. Wir diskutierten über die Folgen von 0,5 Grad Temperaturanstieg unserer Zeit.

Eindrucksvoll war anschließend auch der Einblick in die Arbeit der Präparatoren. Sie erläuterten uns ihre Arbeitstechniken und Methoden am Beispiel eines noch nicht fertig gestellten Großpräparates, eines Straußenvogels. Anschließend gab es eine Diskussion über mögliche Einflüsse von Arsenverbindungen zur Konservierung. Die Aussage der Konservatoren mit jahrelanger Berufserfahrung lautete: „Es kommt auf die Anwendung an. Professionell eingesetzt, besteht keine Gefahr. Auch nicht für Schulpräparate.”

Der Aufbau der im Dezember zu eröffnenden vollkommen neuen Ausstellung zur Evolution und allgemeinen Naturkunde in neu gestalteten großen Museumsräumen vermittelte sodann etwas von den Schwierigkeiten, die bei solchen termingebundenen Großprojekten auftreten. Wieviel Arbeit steht hinter dem naturgetreu dargestellten Orca-Wal mit dem Besatz von Rankenfüßern („Walpocken”). Welche Verwunderung über die wahre Größe des Bisons! Auf den meisten Abbildungen sieht das anders aus. Die wahre Schulterhöhe beträgt etwa 1,50 bis 1,60 m.

Nach dieser Führung ging es mit der Straßenbahn zum Gelände der Bundesgartenschau 1999. Das glückliche Magdeburg besitzt ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz, einen ausgedehnten Elbauenpark, der einmal ein Militärgelände gewesen ist, und dort eine einzigartige Attraktion: den „Jahrtausendturm”. Ein über 60 Meter hohes, von einem Schweizer Architekten gestaltetes, höchst originelles, rundes Holzgebäude mit ausgedehnten Innentreppen und spiralförmigem Außenabgang, unten sehr weiträumig, nach oben dann kegelförmig sich verengend, und im Innern angefüllt mit hunderten großer, eindrucksvoller Anschauungsmodelle, vielfach interaktiv von jedem Besucher bedienbar, zur Wissenschafts- und Technikgeschichte der Menschheit. Arme Füße, glücklicher Kopf! Es gab eine mehrstündige Führung durch ein Museum, welches an das „Deutsche Museum” in München erinnert, aber sein eigenes unverwechselbares Flair besitzt. Von der Antike angefangen Geistesblitze und Arbeitstechniken nachstellend, bis zur Gegenwart die Komplexität der wissenschaftlichen Erkenntnisse vermittelnd, wird der Besucher auf jeder der vielen Etagen zum Mitdenken und Mitmachen aufgefordert. Wohl dem, wer naturwissenschaftliche Grundkenntnisse hat: Verstehen und Behalten werden sehr erleichtert.

Diesen Tag beschloss ein gemeinsames Abendessen im berühmten Bischofssaal des Alten Rathauses.

Sonntag, der 13. September 2009

Frühes Aufstehen an diesem Sonntag war angesagt. Es ging mit dem Bus zu einer Exkursion in die Kernzone des „Biosphärenreservats Mittelelbe”, das Naturschutzgebiet „Steckby-Lödderitzer Forst”. Dieser Name hat bei vielen Naturfreunden einen geradezu magischen Klang, so viele selten gewordene Pflanzen-, Vogel- und Insektenarten kommen hier noch vor. Unser Führer, der Naturschutzwart Peter Ibe, der hier bereits seit dreieinhalb Jahrzehnten zuhause ist,, führte uns sehr sachkundig durch das Gebiet. Zwei Wanderer, die bei einer Flasche Gerstensaft pausierten, bemerkten: „Der Bibervater ist wieder unterwegs.”

Durch die Hartholzauenwälder führte der Weg auf dem Winterdeich. Alant, Ähriger Ehrenpreis, Schwarzpappeln, Roteschen und immer wieder sehr alte, höhlenreiche Stieleichen stehen hier am Ufer der Elbe.

Auf den „Totarmen” schwammen bisweilen als eingewanderte Arten Schild- und Algenfarne (Salvinia, Azolla). Ein Moorfrosch wurde entdeckt, auch ein kleiner Laubfrosch, Rosenkäfer, die Vögel machten sich etwas rar. Es war ein wunderschöner Spaziergang durch diese hier noch sehr naturnahe Flusstalaue, in der man auch den Urzeitkrebs Triops cancriformes noch finden kann. Da störte auch der einsetzende Regen den Genuss nicht - wie an der Wanderungsgeschwindigkeit der Teilnehmer zu erkennen war.

Nach dem Mittagessen auf einem aufgebockten ehemaligen Elbkahn (dem Museumsschiff „Gerda-Marie” bei Breitenhagen), ging es zurück ins Museum nach Magdeburg. Es folgte ein hervorragender selbstgedrehter Filmvortrag über die infolge des Klimawandels in den letzten Jahren stark anwachsenden Bienenfresserpopulationen (Merops apiaster) in Saale-Steilwänden und stehengebliebenen Steilwänden meist stillgelegter Braunkohlerestlöcher im Regenschatten des Harzes. Gehalten wurde er von dem Ornithologen Karl Uhlenhaut, einem ehemaligen Präparator des Museums, dem man die Liebe zu seinem Hobby wirklich anmerkte.

Nach diesem Vortrag ging es zu dem ganz großen Ereignis, das die Stadt Magdeburg in diesen Tagen bewegt: zur Ausstellung „Aufbruch in die Gotik” aus Anlass des 800jährigen Bestehens des Domes. Herr Rolf Rathke führte uns höchstpersönlich, sachkundig und mit großem Engagement durch die Ausstellung. Nicht nur Stunden, Tage könnte man verbringen, um die Schätze aus den Museen der Welt, die hier versammelt sind, zu bestaunen. Viel zu schnell war es 18 Uhr, die Stunde der Museumsschließung.

Auch diesen Abend beschlossen wir mit einem gemeinsamen Essen. Für die meisten Angereisten war das zugleich auch das Ende der Tagung, für die wir uns bei den Magdeburger Freunden herzlich bedankt haben: einer sehr schönen Tagung, die sich würdig in die Reihe der bisherigen NNVM-Tagungen einreihte.

Montag, der 14. September 2009

Aber: Für diejenigen, die es ermöglichen konnten, noch einen Tag länger zu bleiben, hatten das Ehepaar Rathke und Herr Bernhard Balzer noch eine Ganztages-Exkursion mit Privat-PKWs in den Harz vorbereitet. Um 8 Uhr 30 ging es los, zunächst nach Rübeland, wo wir uns durch einen Imbiss gestärkt haben, und dann zum Besucherbergwerk Erzgrube „Büchenberg” nahe Elbingerode. Nachdem wir eine sehr lange, schräge Steintreppe auf die erste Sohle hinabgestiegen waren (die tieferen Sohlen stehen heute unter Wasser) war es beeindruckend und erschütternd zu hören und zu sehen, unter welchen sehr harten Bedingungen die Menschen bis 1970 - zu der Zeit wurde die Grube wegen Unrentabilität geschlossen - dort arbeiten mussten. Bis zu 137 dB laut dröhnte der Lärm der Bohrer. Alle Maschinen - selbst Lampen wurden über Dynamos mit Druckluft betrieben - lärmten für uns unerträglich; unser Führer stellte alle nach wenigen Sekunden wieder ab. Erst ab den 1950er Jahren gab es Lärmschutz für die Ohren. Dazu das Arbeitspensum, die Norm. Dass Menschen diese Arbeit bis zum 50sten Lebensjahr aushalten konnten, erscheint einem heute unmöglich. Danach mussten sie bis zum 63sten Lebensjahr noch über Tage arbeiten.

Unser nächstes Ziel war die sagenumwobene „Rosstrappe”, eine der schönsten Felslandschaften und tiefsten Talkessel des Harzes, hunderte von Metern über dem wildromantischen Bodetal. Die direkte Straße dorthin war gesperrt, aber wir nahmen einen großen Umweg über Thale in Kauf, um dorthin zu gelangen. Es hat sich gelohnt. Schließlich besichtigten wir am Abend noch Quedlinburg. Dieses geschichtsträchtige Städtchen mit seinen vielen, wunderschönen Fachwerkhäusern und der hoch gelegenen Burg, ein berühmtes „Schatzkästlein”, sollte man bei einer Harzreise nicht versäumen.

Für diese Tage, die von Mitgliedern des Naturwissenschaftlichen Vereins Magdeburg bestens vorbereitet waren, möchten wir auch an dieser Stelle noch einmal herzlich danken, insbesondere Frau Rathke, Herrn Rathke und Herrn Müller, aber auch den Herren Balzer und Dr. Pellmann. Immer wieder haben wir alle diejenigen bedauert, die - vielleicht weil sie nicht rechtzeitig von dieser Tagung wussten - nicht dabei sein konnten. Den Mitgliedern aller Naturwissenschaftlichen Vereine können wir nur empfehlen, zukünftige Tagungen des NNVM nicht zu versäumen, sondern sie als rechtzeitig vorzumerken und als Kurzurlaub oder eine Städtereise zu nutzen. NNVM-Tagungen sind immer von den besten Sachkennern der Region, in der sie stattfinden, vorbereitet und begleitet, und sie führen uns zu den Höhepunkten der jeweiligen Landschaften. So fachkundig auf die Bedürfnisse von Botanikern, Geologen, Ornithologen, Ökologen und anderen Naturfreunden und -schützern zugeschnitten kann auch der beste kommerzielle Reiseveranstalter eine Reise nicht organisieren.

Wir freuen und schon auf die Tagung 2010, die dann wieder im September in der Schweiz stattfinden wird.

Quelle: https://nnvm.eu/web/Bericht_über_die_Tagung_2009_in_Magdeburg