Bericht über die Jahrestagung des NNVM 2011 in Bonn

From NNVM (Netzwerk der Naturwissenschaftlichen Vereinigungen in Mitteleuropa)
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Die Tagung fand auf Einladung des Naturhistorischen Vereins für die Rheinlande und Westfalens vom 9. bis 12. (13.) September 2011 in Bonn und Umgebung statt. Leider hatten nur neun Vereine mit insgesamt 19 Personen vom diesjährigen Tagungsangebot Gebrauch gemacht. Von einigen Vereinen wissen wir, dass sie durch Terminkonflikte, persönliche Umstände oder ortsbezogene Gründe eine Teilnahme absagen mussten, in vielen anderen Fällen blieb es unklar, warum diese Chance zu einem Gedankenaustausch an attraktiven Orten nicht genutzt wurde.

Freitag, der 9. September.

Am 09. September trafen sich zunächst die Mitglieder des Lenkungskreises, um eine von Herrn Finke vorgelegte Agenda mit aktuellen Themen zum verflossenen Berichtsjahr und zu den Aufgaben für das kommende Jahr zu diskutieren, wobei W. Pfeil (Cottbus) und Chr. Preiswerk (Bern) noch kurz vorher ihre Teilnahme absagen mussten. Herr Dr. H.J. Roth, Geschäftsführer des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens, nahm zwischendurch ebenfalls an der Sitzung teil, um den Ablauf der bevorstehenden Tagung zu erörtern. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Sitzung sind im NNVM-Info Nr. 27 auf der Homepage des NNVM einzusehen.

Um 16 Uhr trafen sich die angereisten Personen zu einer Stadtführung, die von Herrn Roth mit viel Esprit und Detailkenntnis geleitet wurde. Ausgangspunkt war das Alte Rathaus. Vorbei an der in Renovierung befindlichen „Namen-Jesu-Kirche“, einer Jesuitenkirche der Universität, ging es zum Münster. Die Säulen des Kreuzgangs mit den von Pflanzenornamenten geschmückten Kapitellen zeugen von der Kunstfertigkeit und botanischen Kenntnis der alten Steinmetze. Die Poppelsdorfer Allee wanderten wir dann hinauf zum Schloss Poppelsdorf, in dem sich jetzt u.a. botanische und zoologische Institute befinden. Ein gemeinsames Abendbrot nahe des Botanischen Gartens bei einem von Studenten häufig frequentierten „Italiener“ schloss den Tag ab.

Samstag, der 10. September.

Zunächst fand die alljährliche NNVM-Konferenz statt. Um 9 Uhr trafen sich die Teilnehmer im Museum „Alexander Koenig“. Herr Prof. Dr. Finke eröffnete die Tagung mit einem besonderen Dank an die Gastgeber vom NHV und vom Museum. Anschließend hieß Herr Prof. Dr. J. Waegele, Direktor des Museums, die Versammlung in seinem Hause willkommen. Herr Dr. H.-W. Frohn, Leiter der auf der Drachenburg bei Königswinter angesiedelten Stiftung Naturschutzgeschichte schloss sich ihm an und wies auf eine wichtige Tagung hin, die im Februar nächsten Jahres mit Beteiligung des Bundesamtes für Naturschutz zur Problematik des ehrenamtlichen Naturschutzes stattfinden wird. Es ist vorgesehen, dass der Sprecher des NNVM, Herr Finke, dort ein Grußwort spricht. Nach ihm referierte Herr Prof. Dr. Eberhard Fischer, der Vorsitzende des gastgebenden Vereins, über den naturhistorischen Verein der Rheinlande und Westfalens, seine Geschichte und Aufgaben. Nach ihm stellte die Leiterin des „Biohistoricums“, Frau Dr. K. Schmidt-Loske, ihre Einrichtung vor, die später noch besucht werden sollte, und Herr Dr. Roth wies auf zwei neue Bücher hin, die für die Teilnehmer von Interesse sein könnten.

Nach einer kurzen Pause berichtete dann Herr Finke in einer Powerpoint-Präsentation über die Entwicklung des NNVM, die im letzten Jahr geleistete Arbeit, die aufgetretenen Schwierigkeiten und geplante Wege zur Erweiterung der Bedeutung des Netzwerks in Bezug auf die Naturwissenschaftlichen Vereine des deutschsprachigen Raumes in Mitteleuropa. Er stellte heraus, dass … ERGÄNZUNG VON AUSZÜGEN AUS PRÄSENTATION FOLGT.

An die Präsentation schloss sich eine intensive und gute Aussprache an, an der sich die meisten Teilnehmer beteiligten. Sie erbrachte einige wichtige Ergänzungen der Ergebnisse aus der Sitzung der Lenkungsgruppe vom Freitag, so z.B. die Notwendigkeit, die Museen stärker als bisher in das Netzwerk einzubeziehen, aber auch andere Vereine. Der Wandel der Vereinslandschaft hat die ehemals strengen Abgrenzungen zwischen Naturwissenschaftlichen Vereinen, Regionalforschungsaktivitäten, Naturschutzverbänden und manchen Umweltbildungsgruppen durchlässiger gemacht. Der Hinweis von Herrn Dr. Hagedorn, deshalb die Darstellung des NNVM weniger restriktiv, sondern offener und einladender zu machen, traf daher die Stimmung der Anwesenden. Die ohnehin gegeben Notwendigkeit, die Website des NNVM wegen des Wechsels der betreuenden Institution zu erneuern, soll daher für solche Veränderungen genutzt werden.

Es folgte dann der abschließende formale Teil der Konferenz, die Wahlen der Mitglieder des Lenkungskreises des NNVM. Herr G. Meyer (Mainz) stellte sich aus persönlichen Gründen leider nicht mehr zur Wiederwahl. Aus dem Kreis der Teilnehmer konnte niemand zu einer aktiven Mitarbeit gewonnen werden. Herr Dr. Roth versprach aber im Naturhistorischen Verein Bonn hierfür zu werben. Besonders die Mitarbeit jüngerer Mitglieder der naturwissenschaftlichen Vereine wäre sehr wünschenswert. Die restlichen Mitglieder des Lenkungskreises stellten sich der Wiederwahl und wurden einstimmig bestätigt. Damit leiten die Herren (alphabetisch) Prof. Dr. Finke (Bielefeld), Dr. G. Hagedorn (Berlin), Dr. V. Münchau (Lübeck), W. Pfeil (Cottbus), Chr. Preiswerk (Bern) und Dr. B. Tenbergen (Münster) auch im kommenden Jahr die Geschicke des NNVM. Herr Finke machte dabei deutlich, dass er zwar die Sprecherrolle zunächst noch gern fortführt, es aber begrüßen würde, wenn schon bald ein Stellvertreter gefunden werden könnte.

Nach einem Imbiss in der Cafeteria des Museums führte uns der Wirbeltierspezialist Herr Dr. Hutterer durch Teile des nicht-öffentlichen Gebäudes, insbesondere einen Teil der wertvollen Sammlungen. Alexander Koenig, Gründer und Namensgeber des Museums, verdankte seinen Reichtum seinen Eltern. Der Vater betrieb eine Zuckerfabrik in St. Petersburg und war durch das Knowhow der heimischen Industrie überlegen. Das Interieur der Räume erinnert daher noch stark an die Mode der damaligen Zeit in St. Petersburg. Koenig hat sich von Kindheit an für Zoologie interessiert. Die Bälge seiner Vogelsammlung sind beeindruckend und heute von höchstem Wert. Er sammelte aber nicht nur weltweit. Er führte auch Verhaltens- und Kreuzungsexperimente in seinem Anwesen durch.

Nach 1945 benutzte dann zeitweilig Konrad Adenauer das Arbeitszimmer Koenigs, bevor das Museum dann zum Versammlungsort der verfassungsgebenden Versammlung zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde.

Frau Dr. Schmidt-Loske gab sodann einen Überblick über Antiquariatsbestände des Museums („Biohistoricum“), die wir teilweise besichtigen konnten. Zum Beispiel sind Teile der Privatbibliothek Ernst Mayrs ist aus den USA nach Bonn gebracht worden. Vieles harrt noch der Katalogisierung. Es war sehr eindrucksvoll, manche Originalpublikationen der Großen der biologischen Wissenschaft zu sehen. Herr Hutterer führte uns noch in den Park des Hauses, der gegenüber der Villa Hammerschmidt an der Konrad-Adenauer-Allee liegt. Dort gibt es noch Bäume, die A. Koenig selbst pflanzen ließ. Die verbliebenen 2 Stunden nutzten die Teilnehmer dann zu privaten Rundgängen durch die Ausstellungsräume, bis der Tag wiederum mit einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant in direkter Nachbarschaft des Museums beschlossen wurde.

Sonntag, der 11. September.

Die Teilnehmer trafen sich an der Talstation der Zahnradbahn in Königswinter zu einer Exkursion ins Siebengebirge. Ziel war die Station Schloss Drachenburg. In der Vorburg des Schlosses ist das Museum zur Geschichte des Naturschutzes untergebracht. In der Homepage des Museums (naturschutzgeschichte.de) heißt es dazu:

„Seit fast zweihundert Jahren engagieren sich in Deutschland Personen, Gruppen, Verbände und Institutionen für den Schutz der Natur. Der geschichtliche Bogen reicht von naturwissenschaftlichen Gesellschaften, die sich im 19. Jahrhundert auch Fragen des Schutzes der Natur zuwandten, über die Vereine und Verbände des Natur- und Heimatschutzes, die sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert überall in Deutschland gründeten, bis zu den Diskussionen der Gegenwart um internationale Netzwerke, Erhaltung der Biodiversität und nachhaltiges Nutzen.

Dabei war Naturschutz kein historisches Randphänomen. Naturschutz war eine zum Teil höchst erfolgreich agierende gesellschaftliche Gegen-Bewegung zur industriell geprägten Moderne. Dem ehrenamtlichen und beruflichen Engagement unzähliger Naturschützerinnen und Naturschützer ist es zu verdanken, dass heute eine ökologische Entwicklung der Industriegesellschaft ohne Naturschutz nicht mehr vorstellbar ist.“

Herr Rosebrock, Historiker am Museum führte uns durch die vor kurzem vollständig erneuerte Ausstellung, die von den Pionieren des Naturschutzes im ausgehenden 19. Jhd. bis in die Gegenwart einen repräsentativen Überblick zu engagierten Menschen und Fakten bietet. Auf dem Weg zum Schloss gab uns Herr Dr. Roth anschließend einen Einblick in die Geschichte und kulturelle Entwicklung des Siebengebirges.

Im Bild ganz links der Petersberg. Etwas tiefer Schloss Drachenburg, mittig die Ruine von Burg Drachenfels. Das Siebengebirge besteht nicht nur aus 7 Bergen. Es sind etwa 50 Erhebungen. Der Namen leitet sich möglicherweise von „Siefen“ ab. Dieser Begriff steht für schmale feuchte Täler. Das folgende Bild ist von einem Großfoto im Siebengebirgsmuseum abfotografiert:

Panoramabild des Siebengebirges

Im Museum zur Geschichte des Naturschutzes lasen wir zum Siebengebirge folgendes:

„Am Drachenfels und an einigen anderen Stellen des Siebengebirges wurden im 19. Jahrhundert Steine abgebaut, die für Gebäude oder die Befestigung von Straßen- und Hafenanlagen verwendet wurden. Die Steinbrüche griffen massiv in das Landschaftsbild ein. Dagegen erhob sich breiter Protest. Zwei Vereine – sozusagen frühe Bürgerinitiativen – gründeten sich: 1869 der Verschönerungsverein für das Siebengebirge (VVS) und 1886 der Verein zur Rettung des Siebengebirges (VRS). Sie beklagten die Verschandelung der Landschaft und prangerten die weithin sichtbaren "Wunden" an, die die Steinbrüche in der Natur hinterließen. Da ein Gesetz zum Schutz der Landschaft mit Sanktionsmöglichkeiten fehlte, blieb den Vereinen nur ein anderer Weg offen: Die Grundstücke, auf denen sich Steinbrüche oder Transportwege befanden, mussten angekauft werden. Um die hierfür nötigen finanziellen Mittel zusammenzubringen, wurden Gelder aus Spendensammlungen, einer Lotterie und öffentlichen Zuschüssen verwandt. Im Laufe der Zeit erwarb der VVS über 800 Hektar im Kernbereich des Siebengebirges. Schritt für Schritt wurde hier der Steinabbau stillgelegt. 1899 und 1902 verbot schließlich der zuständige Kölner Regierungspräsident jegliche Neuanlage und Erweiterung von Steinbrüchen. 1923, als die gesetzlichen Grundlagen geschaffen waren, wurde das Siebengebirge rechtsformal als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Seit 1958 hat es den Status eines Naturparks. Träger ist der bis heute existierende VVS. 1971 verlieh der Europarat dem Siebengebirge erstmals das Europadiplom, mit dem Naturgebiete von "internationaler Bedeutung und von europäischem Interesse im Hinblick auf den Schutz des natürlichen Erbes und auf die Erhaltung ihres ästhetischen, kulturellen und/oder Erholungszwecken dienenden Wertes" ausgezeichnet werden. Versuche, diese einzigartige Landschaft zum Nationalpark zu erheben, scheiterten allerdings 2009 an einem Bürgerentscheid.“

Das „Fundament“ des Siebengebirges ist im Unterdevon entstanden. Meeres- und Flusssedimente wurden im Karbon zu einem Gebirge aufgefaltet, das in den folgenden Jahrmillionen weitgehend abgetragen wurde. Im Oligozän kam es zu Vulkanausbrüchen. Das Gebiet wurde mit einer mehrere hundert Meter hohen trachytischen Aschedecke überlagert aus der sich Tuffe bildeten. In diese Tuffdecke drangen in mehr als 10 Millionen Jahren immer wieder Magmen ein, die zu Trachyten, Latiten bzw. Basalten erhärteten. Der Drachenfels ist aus Trachyt aufgebaut. Die Kreuzblumen der Spitzen des Kölner Doms wurden u.a. aus Trachyt vom Drachenfels geschlagen.

Nach diesen Informationen zur Landschaft besichtigten wir das Schloss, das der Junggeselle, Bankier und spätere Baron Stephan von Sarter zwischen 1882 und 1884 im Stil des Historismus errichten ließ. Als Börsenspekulant hatte er ein riesiges Vermögen erworben. Allerdings – gewohnt hat er nie auf dem Schloss. Seine Wahlheimat war Paris wo er 1902 starb.

Schloß Drachenburg

Auch hier sind die Spuren des letzten Krieges nicht übersehbar. Von den wundervollen bunten Blei-verglasten Fenstern im Hauptsaal sind die meisten durch Klarglas ersetzt. Unter der Internetadresse: http://www.schloss-drachenburg.de/content/entdeckertour/geschichte.html kann man die bewegte Geschichte dieses Bauwerkes nachlesen.


Reste der Blei-verglasten Fenster des Hauptsaales>


Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Königswinter und besuchten das völlig neu gestaltete Siebengebirgsmuseum. Hier wird sowohl über die Geologie des Gebirges informiert als auch über kulturelle Entwicklung der Gegend. Besonders über die Zeit nach dem Versailler Vertrag bis 1945 und natürlich der klerikale Einfluss in der Gegend ist dokumentiert.

Damit war das offizielle Tagungsprogramm abgeschlossen. Es hieß, von einigen Teilnehmern Abschied zu nehmen, die in den nächsten Stunden nach Hause zurückkehren mussten. Wir haben uns bei Dr. Roth sehr für seine organisatorischen Vorarbeiten bedankt. Aber für die Bleibenden hatte er für den nächsten Tag noch eine weitere schöne Exkursion vorbereitet.


Montag, der 12. September.

Für die Tagungsteilnehmer, die noch nicht abreisen mussten, hatte Herr Dr. Roth eine geologisch/botanische Exkursion durch das NSG der Ahrschleife bei Altenahr organisiert. Herr Prof. Dr. W. Meyer, Bonn führte die Exkursion.



Das Schiefergebirge der Ahr ist unterdevonischen Ursprungs und ca. 5.000 m dick. Aufgrund der Ablagerungen ist zu erkennen, dass es sich bei seiner Entstehung um ein extremes Flachwassergebiet gehandelt haben muss. Der Einfluss des Wellenganges ist jetzt noch zu erkennen. Während der Jahrmillionen dauernden Metamorphose und tektonischen Umlagerungen wurde der Schiefer teilweise senkrecht gestellt und gefaltet.


Der hochgestellte Schiefer


Auch die Neugier der Botaniker konnte gestillt werden. Direkt am Wanderweg wuchs z.B. der selten gewordene, unter Schutz stehende Schriftfarn, Ceterach officinarum.


Der unter Schutz stehende Milz- oder Schriftfarn


Unser Sprecher Herr Prof. Dr. Finke, ein Hobbyornithologe mit fundierter Sachkenntnis, referierte während der Exkursion über das Auftreten der Zippammer (Emberiza cia) hier im Ahrgebiet. Der wärmeliebende Vogel kommt sonst nur viel weiter südlich vor. Die Ahr mit ihren steilen, warmen Südhängen stellt weltweit den stabilen nördlichsten Vorposten des Vogels dar, der ansonsten hauptsächlich im ganzen Mittelmeergebiet zuhause ist.

Es war eine Exkursion bei herrlichem Sonnenschein, an einem der wenigen schönen Sommertage des Jahres 2011. So wie diese interessante Exkursion war am Nachmittag dann auch die gesamte Tagung des NNVM leider zu Ende. Herr Finke dankte den Herren Meyer und Roth sehr herzlich in aller Namen. Herrn Meyer sagte er, man habe sich noch einmal wie Studenten fühlen können, die mit ihrem Professor eine Fachexkursion durchführen konnten. Herrn Roth dankte er nochmals für die Einladung nach Bonn, die gesamte logistische Vorbereitung und die umsichtige Begleitung während dieser ergiebigen Tage.

Wir fuhren nach Bonn zurück, beendeten individuell unseren Aufenthalt und fuhren mit neuen Eindrücken und Plänen wieder nach Hause.